Kreative Vision

Der Hörer eines Commotions-Songs weiß nie recht: Steckt dahinter brillanter Intellekt, Arroganz oder schlicht Größenwahn. Denn ihr Frontmann Lloyd Cole, zuständig für sämtliche Texte, gab sich in der Öffentlichkeit eine Aura zwischen Existentialist, Dandy und Angeber.

Faszinierend, zumindest für Popmusik-Fans mit einem IQ jenseits der 140. Diese Menschen waren es, die Cole mit seinen Commotions bevorzugt ansprechen wollte. Menschen, die Sartre zum Frühstück lasen und Norman Mailer nachts im Bett, die prächtig mit dem französischen "Film Noir" vertraut waren, mit der Musik etwa der Psychedelic Rock-Band Love oder dem Flüstergesang der melancholischen Chansonniere Francoise Hardy.

Lloyd Cole And The Commotions verkörperten ein knappes Jahrzehnt lang den Inbegriff für die Schärfe des Pop-Geistes. Dass sich an ihrem Stellenwert auch gut 25 Jahre nach Auflösung der Formation nichts geändert hat, beweist die fulminante Box "Collected Recordings 1983 - 1989", (Universal Music). Auf 5 CDs ist das komplette, eher schmale Oeuvre der Combo aus Glasgow mit dem englischen Mastermind vorhanden, also die drei offiziellen Studioalben, dazu gesellen sich B-Seiten, Remixe, Outtakes und Demos. Auf der ergänzenden DVD sind sämtliche Video-Clips sowie Mitschnitte von TV-Auftritten zu finden.



Lloyd Cole, Jahrgang 1961, versuchte bereits zu Beginn der 1980-er in seiner Heimat Derbyshire, rund 40 Kilometer von Manchester entfernt, Mitstreiter für eine Band zu rekrutieren - erfolglos. 1982 verschlug es ihn fürs Studium der Philosophie an die Universität in Glasgow, seit jeher bekannt für ihr reges kulturelles Leben. Hier fand Cole Gleichgesinnte, die seiner kreativen Vision Ausdruck verliehen.

Der Engländer hatte vor, tiefschürfende Gedanken in Harmonien mit hohem Wiedererkennungswert zu tauchen, ohne sich dabei dem Mainstream anzubiedern. "Drücken wir es so aus", erinnert sich Cole an jene Zeit zurück: "Wir wollten in die Charts und ordentlich Geld verdienen. Aber nach unseren Regeln. Wir waren ein ziemlich arroganter Haufen, mit mit als Ober-Snob. Doch wir waren überzeugt, dass man ohne genügend Selbstbewusstsein mit der Musik nirgendwohin kommt." Der Coup gelang gleich mit der ersten Single "Perfect Skin", welche auf Anhieb in die britischen Top 30 einstieg. Es gab weitere Hitparaden-Erfolge, auch im nicht-britischen Ausland, den größten mit dem zweiten Album "Easy Pieces", das im Vereinigten Königreich die 5 enterte. "Ab 1987 war die Luft raus bei uns", reflektiert Cole, "die dritte und letzte Scheibe aufzunehmen, war eher eine Qual. Alle waren froh, als wir eine Abschiedstournee zu Ende hatten und danach getrennter Wege gingen." Ein neues Jahrzehnt begann. Eine wundervolle Band war Geschichte. Doch ihre Lieder bleiben unsterblich.

"Als ich mir die Stücke auf der Box zu Gemüte geführt habe im letzten Jahr", gibt Cole nicht ohne Stolz zu, "war ich angenehm überrascht, wie zeitlos dieses Zeug in der Tat klingt. Während des Aufnahmeprozesses war uns dieser Umstand nicht bewusst. Aber in der Tat sind wir nie einem Trend hinterher gehechelt. Wir haben eher Trends gesetzt, haben dieses "Intellektuellen-Ding" massenkompatibel gemacht."

In diesen Worten klingt es wieder durch, das Großmaul von einst. Doch Cole hält zu seiner Persönlichkeit von damals durchaus kritische Distanz: "Ich fürchte, dass ich mit diesem Typen, der ich in den 1980-ern war, nicht sonderlich gut auskommen würde. Er ist dermaßen auf sich selbst fixiert und prätentiös, da ist keine wahre Freundschaft möglich. Mit dem Lloyd Cole aus jener Ära habe ich abgeschlossen. Hoffe ich wenigstens. Mit seiner Musik allerdings nicht."

Nachdem die Commotions abgewickelt waren, verschlug es den "misanthropen Dandy", wie er sich selbst gerne mal definiert, in die USA, um dort eine Solokarriere ins Rollen zu bringen. "Der Erfolg damit war eher bescheiden", bekennt Cole, "nach wenigen Alben wurde ich von einer großen Plattenfirma gefeuert, seither veröffentliche ich bei unabhängigen Labels. Aber was soll's, ich zehre, auch finanziell, immer noch von de Commotions-Ära."

Keine Reunion

Lloyd Cole ist seit etlichen Jahren verheiratet, lebt mit Frau und zwei Kindern in Massachusetts, spielt hervorragend Golf bei einem Handicap von 5.3, er nimmt weiterhin Platten auf, gibt Konzerte, gerne Solo. Denkt er gelegentlich an eine Reunion der Commotions? "Eher nicht", meint Cole, "denn man sollte die guten alten Zeiten ruhen lassen. Sie werden mit den Jahren nicht besser."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.lloydcole.com
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