Krönung in Prag

Die bayerische Opposition lässt normalerweise kein gutes Haar an Horst Seehofer. Doch in diesem Punkt bleibt substanzielle Kritik aus: Der Ministerpräsident hat die Beziehungen zum Nachbarland Tschechien deutlich verbessert. In dieser Woche folgt nun sozusagen die Krönung.

Eigentlich sind es nur ein paar Räume und ein Schild. Doch hinter alledem steckt so viel mehr. Wenn der Freistaat Bayern am Donnerstag eine Repräsentanz in Prag, der Hauptstadt des Nachbarlands Tschechien, eröffnet, dann darf man das gut und gerne als historisch bezeichnen. Auch der tschechische Regierungschef Bohuslav Sobotka hat sein Kommen zugesagt.

Für Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) ist der Festakt fast eine Art Krönung. Die Vollendung einer jahrelangen politischen Leistung, die ihm nicht einmal die Opposition abspricht. Seehofer nämlich war es, der vor vier Jahren, im Dezember 2010, etwas schaffte, was seine Vorgänger nicht zustande gebracht hatten: Er stattete dem Nachbarland einen offiziellen Besuch ab.

Ende der Eiszeit

Jahrzehntelang hatte auf höchster politischer Ebene Eiszeit zwischen München und Prag geherrscht. Grund war der alte Streit um die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der früheren Tschechoslowakei, Grund war die CSU-Forderung nach Rücknahme der Benes-Dekrete, die die Grundlage für die Vertreibung der Sudetendeutschen bildeten. Dann aber steht Seehofer im Dezember 2010 in Prag und betont nach einem Gespräch mit dem damaligen konservativen Ministerpräsidenten Petr Necas: "Wir sind uns einig, dass wir gemeinsam den Blick nach vorn in die Zukunft richten wollen." Der Streit über die Vergangenheit soll die Zukunft nicht beeinträchtigen.

In den vergangenen vier Jahren hat sich viel bewegt. Seehofer reiste noch ein zweites und ein drittes Mal in offizieller Mission nach Prag. Zuletzt im Juli 2014, als er den neuen Ministerpräsidenten Sobotka traf. Der Sozialdemokrat begrüßte dabei die Pläne für eine bayerische Vertretung an der Moldau. "Das verbessert unsere Beziehungen in der Praxis und im Alltag", sagte er. Prag wolle die Nachbarschaft "sehr intensiv" vertiefen.

Wichtigster Handelspartner

Eine Repräsentanz hat Bayern seit langem in vielen Städten der Welt. Nur die von München aus nächstgelegene europäische Hauptstadt hatte bisher außen vor bleiben müssen - obwohl Tschechien mit Abstand der wichtigste Handelspartner Bayerns in Osteuropa ist. Das Handelsvolumen erreichte im Vorjahr fast 15 Milliarden Euro.

Bayern mietet sich jetzt in der ersten Etage des historischen Altstadtpalais "Zur Goldenen Melone" in Prag ein. Die Arbeit hört mit der feierlichen Eröffnungszeremonie aber nicht auf - im Gegenteil: Es gibt viel zu tun für die beiden Länder. Man muss nur an die miserablen Schienenverbindungen zwischen München und Prag denken. Es dürfte also nicht Seehofers letzter Besuch in Prag sein.
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