Kühlschränke als Krisenhelfer

Heimgekehrte Kriegsflüchtlinge bauen in der Provinz Herat mit Hilfe von Shelter Now Safran an, das teuerste Gewürz der Welt. Seit sechs Jahren hat sich der Safran gut vermehrt. Wer solche Werte in seinem Ackerboden hat, denkt nicht so leicht an eine Flucht nach Europa. Repro: rlö
 
Georg Taubmann, der Leiter von Shelter Now International, bei seinem letzten Heimatbesuch im Büro der Organisation in Sulzbach-Rosenberg. Bild: rlö

Hunderttausende laufen Hals über Kopf davon, weil ihre Behausungen, ihre Dörfer und Städte zerschossen sind und ihre Familien teilweise fast ausgerottet. Sie kennen nur ein Ziel: das sichere Europa. Einer, dem niemand erklären muss, warum diese Menschen flüchten, ist ein Sulzbach-Rosenberger.

Der 58-jährige Georg Taubmann aus Sulzbach-Rosenberg ist internationaler Leiter des christlichen Hilfswerks Shelter Now. Er erlebt mit seinen Mitarbeitern seit fast 30 Jahren nahezu täglich in den Kriegs- und Krisengebieten Afghanistans, Pakistans und des Irak, was gnadenloser Terror und religiöser Fanatismus anrichten.

Georg Taubmann und der Leiter des Deutschland-Büros von Shelter Now in Braunschweig, Udo Stolte, sind überzeugt: Humanitäre Hilfe für Flüchtlinge in ihren Heimatländern und nachhaltige Entwicklungsarbeit tragen erheblich dazu bei, dass die Menschen sich nicht auf den gefahrvollen Weg nach Europa machen müssen. Stolte und Taubmann appellieren daher an die verantwortliche Politik in den genannten Krisenländern und in der internationalen Staatengemeinschaft, "endlich Strategien zu entwickeln, die in den bedrohten Regionen dieser Welt Verhältnisse schaffen, die den Menschen dort Hoffnungen auf eine gesicherte Existenz geben".

Aktuell unterstützt Shelter Now mehrere Hundert Familien im Nordirak, die vor den Terrormilizen des so genannten Islamischen Staates (IS) in die Autonome Region Kurdistan geflohen sind. Bereitgestellt werden Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Kühlschränke, Ventilatoren im Sommer, Decken im Winter. Zu den derzeit drei Hilfsprojekten in Kurdistan gehört auch die Unterstützung von 400 Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Jesiden, die aus Angst vor Diskriminierung in inoffiziellen Lagern leben. Weitere Maßnahmen werden derzeit vorbereitet - und für diese Flüchtlingshilfe vor Ort benötigt Shelter Now dringend neue Spendenmittel.

Geld von Conrad-Stiftung

Solche Spendengelder erhält die Hilfsorganisation seit Jahren immer wieder auch aus der Oberpfalz. So konnte beispielsweise mit Mitteln aus dem Fonds der Conrad-Stiftung eine mittlerweile erfolgreich arbeitende Zahnklinik im afghanischen Herat aufgebaut werden. Die Arbeit von Shelter Now in Afghanistan sei ein gutes Beispiel für das Hand-in-Hand von Flüchtlings- und Entwicklungshilfe, so Udo Stolte. Während der Besetzung Afghanistans durch die Sowjetarmee und später während der Taliban-Herrschaft flohen Millionen Afghanen nach Pakistan. Zehntausende Menschen unterstützte Shelter Now seither in den Flüchtlingslagern mit Lebensmitteln, aber auch mit dem Bau von Lehmhäusern, Schulen und Gesundheitsstationen. Später hat die Organisation zusammen mit den Heimkehrern in Afghanistan über 50 000 kriegszerstörte Häuser wieder aufgebaut - davon sowie von Straßen-, Brücken- und Brunnenbau profitierten eine halbe Million Menschen. Daneben unterhält Shelter Now in dem Land am Hindukusch weitere Agrar- Gesundheits-, Bildungs- und Ausbildungsprogramme.

Während die Shelter-Mitarbeiter unbeirrbar tagtäglich weiter arbeiten, wird die Lage am Hindukusch zunehmend unübersichtlich und bedrohlich. Seit dem Abzug der Bundeswehr und der ISAF-Truppen sind die Taliban in weiten Teilen des Landes wieder auf dem Vormarsch. "Viele Menschen haben Angst", so Georg Taubmann im Gespräch mit unserer Zeitung, "und wollen ihre Heimat verlassen. Auch einer meiner Freunde, ein afghanischer Geschäftsmann, versucht verzweifelt, seine Familie aus dem Land zu bekommen. Sie fürchten mehr und mehr, dass die Armee den Angriffen der Taliban nicht standhalten könnte. Ein großes Problem dabei ist die Zerstrittenheit des afghanischen Parlaments, das sich seit einem Jahr immer noch nicht auf einen Verteidigungsminister einigen kann. Man stelle sich vor: Dieses Land befindet sich im Krieg und hat nicht einmal einen Verteidigungsminister."

Heil in der Flucht

Auch bei Shelter Now weiß niemand, ob die afghanische Tragödie ein gutes Ende nehmen wird. Wenn, dann ist der Neuanfang nur mit breiter internationaler Solidarität und gemeinsam mit den Menschen am Hindukusch zu bewältigen. Und genau hier tut sich eine weitere Tragik auf: Unter den Tausenden von Kriegsflüchtlingen sind auch viele Angehörige der afghanischen Mittel- und Oberschicht, die ihr Heil in der Flucht suchen, manche von ihnen sogar ohne zwingende Notwendigkeit, wie auch Georg Taubmann unumwunden einräumt. "Aber genau diese Menschen mit ihrem Know-how und ihren Möglichkeiten fehlen uns dann vor Ort, wenn es gilt, Afghanistan eine friedlichere Zukunft zu errichten."
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