Ländlicher Raum könnte von der Migration profitieren
Dem Schrumpfen trotzen

Gerade im östlichen Landkreis Schwandorf - wie hier im Zentrum von Nittenau - und im nördlichen Landkreis Tirschenreuth prägen unansehnliche Leerstände die Ortskerne. Bild: Götz

Der ländliche Raum könnte von der Migration profitieren. "Aber nur, wenn wir um diese Menschen werben und sie überzeugen, hier bei uns zu leben", meint Demografie-Experte Professor Lothar Koppers. Denn mit der Anerkennung als Flüchtlinge fällt die Residenzpflicht.

Marktredwitz . Ein ermutigendes Beispiel dafür, "wie es funktioniert", beobachtet Dr.-Ing. Koppers im nordwestlichen Sachsen, einem der waldreichsten und am dünnsten besiedelten Gebiete in Deutschland: Hier schenkten (!) die Kommunen den Migranten Grund und Boden, um ihnen ein "zweites Zuhause" zu geben. "Dies schafft Bindungskraft." Ansonsten würden die Flüchtlinge dorthin ziehen, "wo ihr Milieu ist, nämlich in den Ballungsräumen", sagte der Landesvorsitzende der Grünen, Eike Hallitzky. Er sieht in der Migration die Chance für "städtebauliche Belebung - und um die Demografie auf Vordermann zu bringen".

Auf Einladung der Grünen mit den Landtagsabgeordneten Jürgen Mistol (Regensburg) und Ulrike Gote (Bayreuth) diskutierte am Mittwochabend in Marktredwitz ein Fachpublikum über mögliche Strategien, "dem Schrumpfen zu trotzen". Deutschland braucht nach Schätzungen Koppers 300 000 Migranten im Jahr, "um die Folgen des demografischen Wandels auf Null zu drücken". Die aktuell höheren Zahlen glichen den "Nachholbedarf" der vergangenen Jahre aus.

Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Marktredwitz, Dr. Birgit Seelbinder, erinnerte an das Jahr 1990, als sich ihre Stadt "bewusst" für die Aussiedler aus Russland entschieden habe. "Alle profitierten davon. Marktredwitz zählt heute 2000 Einwohner mehr als die Stadt Selb, die sich damals verweigerte." Wegen dieser zusätzlichen Arbeitskräfte (aus Russland) habe sich eine Firma mit mehr als 500 Arbeitsplätzen angesiedelt.

Qualitäts-Immobilien

Der Stadtplanungsexperte der IHK Regensburg, Dr. Matthias Segerer, warnte jedoch vor "Illusionen" bei der Migration: "Es bedarf der zehnfachen Anstrengung, die Flüchtlinge in der Region zu halten." Prof. Koppers beleuchtete bei der Veranstaltung das Thema Demografie grundsätzlich: "Früher lebte eine fünfköpfige Familie in einem Haus, heute eine einzige Person." Sorge bereitet ihm vor allem der Verfall der Immobilienpreise. "Wohnhäuser werden immer noch als Altersversorgung gesehen." Ihren Werterhalt sieht er ebenso als zentrales Anliegen wie neue Investitionen in qualitativ hochwertige Wohnungen. Weil die Rendite-Erwartung in ländlichen Regionen eher bei "plus-minus Null" und dagegen in Ballungsräumen bei 3 bis 4 Prozent liege, regte Koppers einen bayernweiten Fonds an, um das Investitionsrisiko zu minimieren.

Ortskerne revitalisieren

Koppers räumte mit dem Klischee auf, dass der "Arbeitsplatz vor Ort" über die Wohnungswahl entscheidet. "Ausschlaggebend ist die Qualität der Immobilie." Arbeitsplätze müssten regional betrachtet werden. Dr. Segerer pflichtete ihm bei: "Die Arbeitnehmer orientieren sich nach Regionen." Koppers bekräftigte seine Kritik, "dass die Gemeinden immer weiter an den Rändern wachsen und die Ortskerne entvölkern". Die Nahversorgung komme nur dann wieder in die Zentren zurück, "wenn sie zwischenzeitlich nicht verlottern".

Über die mit 200 Millionen Euro im Jahr ausgestattete Modellmaßnahme "Ort schafft Mitte" des Freistaats informierte Rainer Goldstein von der Obersten Baubehörde. Dabei geht es - mit "passgenauer Förderung" - in einem "kleinteiligen Häuserkampf" um die "Bewahrung der Stadtkörper im Sinne des Denkmalschutzes". "Fast neidisch auf die bayerischen Verhältnisse" ist Heike Brückner von der Stiftung Bauhaus Dessau. Dort sank seit 1990 die Einwohnerzahl von 100 000 auf heute 68 000. Da bleibt angesichts der vielen Leerstände nur der Abriss-Bagger. Unter der Überschrift "Wohnen im Grünen mitten in der Stadt" entwickelte sich auf 90 Hektar Rückbaufläche - unter reger Bürgerbeteiligung - eine "neue Stadtlandschaft urbaner Qualität" mit Gärten, Hochbeeten, Streuobstwiesen, Feldern für nachwachsende Rohstoffe oder die "Blaue Kartoffel". "Wo Gebäude fallen, entsteht Landschaft."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.