"Lasst München nicht alleine"

An der Grenze der Belastbarkeit: Teilweise im Stundentakt kamen am Wochenende Züge mit Tausenden Flüchtlingen am Münchener Hauptbahnhof an. Mit einem Kraftakt konnte bislang ein Chaos vermieden werden. Bild: dpa

Englisch sprechen nur wenige, das Wunschziel können die meisten dennoch nennen: „Almaniya, Germany“. Der Andrang entkräfteter Flüchtlinge ist beispiellos. Dank vieler Helfer bleibt ein Chaos aus. Doch auf der Balkan-Route sind weiter Tausende unterwegs.

München. (dpa) Sie strahlen, lachen und winken. Manche Flüchtlinge weinen auch vor Freude bei ihrer Ankunft auf dem Münchener Hauptbahnhof. Man sieht ihnen die Strapazen an, aber sie haben es geschafft, ihr Traum hat sich erfüllt: Sie sind endlich in „Almaniya“. Ein junger Mann hält auf dem Bahnsteig dankbar ein Foto von Bundeskanzlerin Angela Merkel hoch.

Viele Tausend Schutzsuchende kommen am Wochenende in Deutschland an. Sie haben eine ungeheuerliche Odyssee hinter sich. Nun sind sie am Ziel. Nicht nur in München, auch in vielen anderen deutschen Städten wird ihnen ein herzlicher Empfang bereitet. Ein Zug aus Österreich bringt eine große Zahl von Menschen, die tagelang in Ungarn festsaßen. Jetzt laufen die erschöpften Männer, Frauen und Kinder durch ein Spalier von klatschenden Menschen.

Umgeben von Angehörigen und Freunden strahlt Nawras Ali: „Wir waren vier Tage in Ungarn“, erzählt der junge Syrer, der in Damaskus eine Ausbildung im Tourismus-Management absolviert hat. In Budapest habe er an den Protesten teilgenommen – trotz Fahrkarte durften die geflüchteten Menschen nicht die Züge nach Österreich besteigen. Über Gyor sei er schließlich mit einem Taxi nach Sopron gefahren und von dort aus zur Grenze nach Österreich gelaufen, geleitet von der Navi-App auf dem Handy. Er sei so glücklich gewesen, als er ein Auto der österreichischen Polizei gesehen habe. „Wir wollen nach Deutschland“, hätten sie den Beamten gesagt. „Jetzt will ich hier ein neues Leben aufbauen, am liebsten in einer großen Stadt wie München.“

Züge im Stundentakt

So viele Flüchtlinge wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg hat die bayerische Landeshauptstadt an diesem Wochenende innerhalb von 48 Stunden empfangen. Männer, Frauen und Kinder, überwiegend aus den nahöstlichen Krisenregionen, kamen am Samstag und Sonntag nach einer tagelangen Odyssee über Ungarn und Österreich nach Bayern. Am Samstagmittag war in München der erste Sonderzug mit etwa 250 Asylbewerbern eingetroffen. Im Stundentakt kamen jeweils Hunderte Flüchtlinge vor allem aus Syrien an. Dutzende freiwillige Helfer versorgten die erschöpften Menschen, darunter zahlreiche Kinder, mit Essen und Getränken.

Doch die Zahl von rund 15 500 Flüchtlingen binnen zwei Tagen führt selbst die Millionenstadt München an die Grenze der Belastbarkeit. „Lasst München nicht alleine“, sagte Wilfried Blume-Beyerle, Chef des Kreisverwaltungsreferats. „Die Regierung von Oberbayern ist nicht in der Lage, ein bundesweites Lagezentrum zu ersetzen“, sagte der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand. Der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) forderte am Sonntag die „uneingeschränkte Solidarität aller Bundesländer“ ein. „Humanitäre Hilfe geht vor politisches Kalkül“, betonte Reiter.

Dabei bleiben beileibe nicht alle Flüchtlinge in Bayern, sondern sie werden auch auf andere Bundesländer verteilt. Am Samstag waren laut Bundespolizei 6900 Flüchtlinge über München nach Deutschland eingereist – in 26 Zügen. Von 6000 Menschen, die bis 20 Uhr ankamen, wurden nach Angaben der Bezirksregierung von Oberbayern 4300 direkt am Münchener Hauptbahnhof in Empfang genommen, medizinisch erstversorgt und dann weitergeleitet.

Ziel: Schnell verteilen

Mehrere Züge mit 1700 Flüchtlingen fuhren gleich in andere Städte weiter, so nach Dortmund, Frankfurt und ins thüringische Saalfeld. „Das muss jetzt eines der Hauptziele sein“, sagte eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern. Man befinde sich „in enger Abstimmung“ mit den anderen Bundesländern, um die Menschen zu verteilen. Bis in den Abend hinein fuhren weitere Züge. Alleine in einem, der um 17 Uhr ankam, befanden sich 1700 Flüchtlinge.

In München wurden die Migranten in Einrichtungen in Grasbrunn bei München, auf dem Münchener Messegelände und in der Nähe des S-Bahnhofs Donnersbergerbrücke untergebracht. Laut Plan sollten sie binnen von 24 Stunden in andere bayerische Regionen und Bundesländer weiterverteilt werden. Die Münchener Polizei hatte 60 zusätzliche Beamte aus dem Wochenende zurückgeholt, um die Flüchtlingsunterkünfte zu schützen. Es lägen aber keine Erkenntnisse auf geplante Anschläge vor, sagte Polizeivizepräsident Werner Feiler.
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