Lebensmotto "Wir schaffen das"

Auf eine steile Karriere kann Richard Glombitza zurückblicken: vom Volksschullehrer zum Schulamtsdirektor und schließlich zum Verantwortlichen für die Schulen in der Oberpfalz. Bild: Huber

"Sich selber in die Pflicht nehmen - und nicht immer fordern." Mit Leidenschaft spricht Richard Glombitza über Bildung. Er trägt Verantwortung für 342 Grund- und Mittelschulen, 119 Berufs- und berufliche Schulen sowie 35 Förder-Einrichtungen. Zum Jahresende geht der 68-Jährige in Pension.

Weiden/Amberg. (cf) Der Bereichsleiter für die Schulen bei der Regierung der Oberpfalz weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Sulzbach-Rosenberger kennt aus seiner Zeit als Lehrer in den 70er und 80er Jahren im Kreis Amberg-Sulzbach die andere Seite des Schreibtisches. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Richard Glombitza bekannt, als er vor wenigen Jahren in der Oberpfalz die Mittelschul-Verbünde und die Strukturreform der Berufsschulen auf den Weg brachte. Das Interview führte Clemens Fütterer.

Herr Glombitza, wie verändert die Migration die Schullandschaft?

Glombitza : Das ist derzeit die größte Herausforderung. 727 Kinder von Asylbewerbern besuchen an den Oberpfälzer Grund- und Mittelschulen 52 Übergangsklassen, davon 28 in Regensburg. Sie lernen vor allem Basics der deutschen Sprache, um in reguläre Klassen wechseln zu können. Weitere 780 Jugendliche nichtdeutscher Herkunft sind in 39 Berufsintegrationsklassen an den Berufsschulen, wo sie zwei Jahre lang auf die Ausbildung und den Berufseinstieg vorbereitet werden. Im Februar hatten wir hier 15 Klassen, im August 25. Ende 2015 werden es wohl 50 in der Oberpfalz sein. Der Schwerpunkt liegt auf minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen.

Ohne die Mobilisierung von zahlreichen ehemaligen Pädagogen würden wir diese Aufgabe nicht stemmen. Regierungs-Vizepräsident a. D. Peißl koordiniert den Einsatz der Pensionisten. An einer Mehrung der Lehrer-Planstellen kommt der Staat dennoch nicht herum.

Sichern die vielen Flüchtlingskinder die Schulstandorte?

Glombitza : Wir spüren Auffüll-Effekte. Im Raum Regensburg denken wir sogar an neue Grundschulen, auch wegen des starken Zuzugs. Schulstandorte im ländlichen Raum sind grundsätzlich immer wertvoll.

Bildungs-Ökonom Ludger Wößmann sagte jüngst, dass Zwei Drittel der Syrer als "funktionale Analphabeten" gelten müssten.

Glombitza: Die Zahl der Analphabeten unter den Migranten-Kindern ist höher, als man denkt. Wir alphabetisieren sehr stark. Dies stellt auch eine große Herausforderung für die Lehrkräfte dar.

Die Wirtschaft klagt, dass nach den zweijährigen Berufsintegrationsklassen nur 10 bis 15 Prozent ausbildungsfähig sind.

Glombitza: Ist doch klar, dass die Flüchtlinge nach zwei Jahren die oft komplizierte Fachsprache noch nicht beherrschen und deshalb häufig nicht über die Sprachkompetenz verfügen, die Gesellenprüfung auch in der Theorie zu schaffen. Da müssen wir sie künftig noch besser fachsprachlich unterstützen.

Von den 94 Abgängern im Juli 2015 gingen 30 sofort in eine Ausbildung als Automechatroniker, Bäcker, Fleischer, Friseur, Maler oder Lackierer; 10 besuchen Fachschulen für die Altenpflege, 20 nehmen an weiteren Maßnahmen teil oder wiederholen das zweite Schuljahr; 5 wechselten direkt in ein Arbeitsverhältnis. Die Jugendlichen benötigen starke Unterstützung, um die Integration in den Arbeitsmarkt zu schaffen.

"Schaffen wir das?"

Glombitza (überlegt lange): Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch. Es gibt jedoch eine Begrenztheit der Möglichkeiten bei den Ressourcen, um alle Flüchtling entsprechend qualifiziert begleiten zu können. Ohne das überbordende Engagement der ehemaligen Lehrkräfte wäre die Situation derzeit kaum zu bewältigen. Sie bringen als Helfer pädagogische Kompetenz ein.

Worin bestehen die größten Schwierigkeiten?

Glombitza : Einmal in der starken Fluktuation an den Grund- und Mittelschulen; zum anderen kommen die Flüchtlings-Kinder aus einem Kulturkreis mit einem eigenen Rollen-Verständnis der Geschlechter, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Hier haben sich auch die Europäer relativ spät auf den Weg gemacht ... (schmunzelt).

Heftige Kritik sowohl von Eltern als auch Lehrern gibt es am "phonetischen Schreiben".

Glombitza: Die Klagen sind mir bekannt. Es ist in der Tat eine bipolare Geschichte, wenn Kinder ihr Verstehen in einer eigenen Schreibweise ausdrücken. Manchen Kindern kann langfristig in der Wortbild-Erfassung ein Problem entstehen, wenn die Übung zu kurz kommt. Die Rechtschreibung ist im späteren Berufsleben ein Kommunikationsmittel. Ich möchte die kritischen Rückmeldungen aus der Wirtschaft nicht verschweigen, dass die Rechtschreibung einen gewissen Abschwung erfährt.

Sie stehen seit 42 Jahren im Schuldienst: zuerst als Lehrer im Landkreis Amberg-Sulzbach, dann als Schulrat in Schwandorf und Amberg und schließlich seit 2005 bei der Regierung. Was sind die größten Veränderung?

Glombitza: In der Pädagogik gibt es immer Veränderungen. Eine gute Schule muss Antworten auf Erscheinungsformen der Zeit geben. Lebenskompetenz ist manchmal etwas anderes als das schulische Lernziel. Deshalb gibt es die neuen Kompetenz-orientierten Lehrpläne. Ein bestimmtes Basis-Wissen muss man jedoch haben. Früher erfolgte der Unterricht frontal, heute fördert er die Selbstständigkeit und der Lehrer ist Moderator von Unterrichts-Prozessen. Auch heute muss eine Lehrkraft Vorbild sein und gleichzeitig den Schülern Respekt entgegenbringen. Die Kleinen in der Grundschule lernen schon mal wegen der Lehrerin, weil die so nett ist.

Das Smartphone durchdringt die Kindheit ...

Glombitza: Man darf diese Dinge nicht schlecht reden, sondern muss lernen, wie man damit umgeht und ihnen Wert verleiht. Das Smartphone ist ein Werkzeug für die Lebens-Erweiterung. Wir dürfen dabei die Werte-Erziehung nicht vergessen - wie Sozialverhalten, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit oder Respekt vor dem Anderen.

Die Digitalisierung bestimmt zunehmend den Unterrichts-Alltag.

Glombitza: Früher war es die Tafel, heute ist es das Whiteboard. Die Lehrkräfte bereiten sich mit dem Stick auf den Unterricht vor. Die digitale Welt bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten, da müssen wir vorne mit dabei sein.

Sie tragen letztendlich Verantwortung für 8000 Lehrkräfte in der Oberpfalz. Was sind Ihre Führungsprinzipien?

Glombitza: Den starken Köpfen Freiraum geben, so stellen sich Zufriedenheit und Kreativität ein. Ich denke an das Bild vom Wagenlenker in Delphi: Er hält die Hand offen und führt gleichzeitig die Zügel.

Wie gestalten Sie ab Januar Ihren Ruhestand?

Glombitza: Ich werde innehalten und mich neu sortieren. Ich halte mich für fit genug, um neue Aufgaben im Ehrenamt anzugehen - etwa bei den Klassen für die Flüchtlingskinder. Ich bin begeisterter Skifahrer, Schwimmer und Tennisspieler. Bewegung ist mein Lebensprinzip. Ich halte es mit Marc Aurel, der sinngemäß sagt: Jugend ist nicht eine Frage der Jahre, sondern eine Frage der Sehnsucht nach dem Spiel des Lebens. Das heißt, im Kopf nicht alt zu werden und neugierig zu bleiben.
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