Letzter Abschied am Absturzort

Stille Trauergeste: 149 weiße Luftballons - jeder symbolisiert ein Opfer des Flugzeugunglücks - stiegen in den Himmel auf. Bild: dpa

Es ist der Tag der Trauer, des letzten Abschiednehmens. Die Angehörigen der Opfer der Germanwings-Katastrophe versammeln sich am Absturzort in den Alpen.

Am Ende steigen 149 weiße Ballons in den Himmel. Einer für jeden Menschen, den der Copilot des Germanwings-Flugs 4U9525 mit in den Tod gerissen hat. Vor der majestätischen Kulisse des Bergmassivs, an dem der Flug sein trauriges Ende fand, verschwinden sie schnell aus dem Blickfeld. Es ist der symbolische Schlusspunkt eines Tages der Trauer, an dem Hunderte Angehörige Abschied nehmen von den Toten.

Der Anlass für die weitere Gedenkfeier, vier Monate nach der Katastrophe, ist schwer zu akzeptieren. Die Toten wurden sämtlich identifiziert - und doch konnten die Kriminalexperten der französischen Gendarmerie nicht alle sterblichen Überreste zuordnen. Sie liegen nun anonym auf dem Friedhof des Bergdorfs Le Vernet, die Angehörigen legen Blumen in der Gruft nieder.

Es sei für die Familien schwer, "dass hier noch ein Grab existiert, wo dann doch über 3000 Leichenteile beerdigt sind", sagt Luftfahrtanwalt Christof Wellens. Für einen Tag tritt auch der Streit mit der Germanwings-Mutter Lufthansa über das Schmerzensgeld in den Hintergrund: "Heute ist der Tag der Trauer und des Abschiednehmens." Dieses Wort fällt immer wieder. Auch der Beauftragte der Bundesregierung für die Angehörigen, Steffen Rudolph, hatte gesagt, das Abschiednehmen könne damit zu einem Abschluss kommen.

Strikte Intimität

Der Ablauf ist streng durchorganisiert - von Polizeimotorrädern begleitet werden die Familien zur Gedenkfeier gefahren, wer sein Gesicht nicht in der Nähe der Kameras zeigen möchte, kann per Liveübertragung in Zelten zuschauen. Der Friedhof wird ohnehin abgeschirmt. "Die Familien haben gewünscht, dass das in strikter Intimität abläuft", sagt Präfektin Patricia Willaert. "Also haben wir alles getan, um diesen Wunsch zu respektieren."

Während ein Wolkenbruch niedergeht, gedenken die Angehörigen im Schutz eines aufgespannten Zeltdachs der Opfer. Die Feier ist religionsübergreifend: Auf Französisch und Hebräisch wird Psalm 27 vorgetragen ("Der Herr ist mein Licht"), ein Imam liest einen Auszug aus dem Koran. Jetzt müssten die Angehörigen ihrem Leben wieder einen Sinn geben, sagt Rabbi Daniel Dahan.

"Das ist ein wichtiger Moment für die Familien", betont auch Bernard Bartolini, der Bürgermeister des Ortes Prads-Haute-Bléone, auf dessen Gebiet das Flugzeug gegen eine Felswand prallte. Durch die Trauerfeier ist die Region für einen Tag wieder im Ausnahmezustand, rund 200 Gendarmen und Feuerwehrleute schirmen die Veranstaltung ab.

Ohnehin ist "le crash" in den Orten um das Bergmassiv ständig präsent, auch wenn die Normalität zurückgekehrt ist. "Es ist schwierig, sich von diesem Ereignis loszumachen", sagt Bartolini. "Das hat uns tief getroffen." Er weiß, dass das Drama die Orte begleiten wird. Präfektin Willaert erzählt von den Beziehungen, die die Einwohner mit den Familien der Angehörigen geknüpft haben - das werde bleiben. Auch Bartolini verspricht: "Sie können jederzeit herkommen."

Er denkt auch darüber nach, was mit der noch gesperrten Absturzstelle geschehen soll. Bis zum Herbst transportiert eine Spezialfirma das verschmutze Erdreich ab. Dann könnte hier eine weitere Gedenkstätte entstehen. "Diesen Ort schulden wir den Angehörigen", sagt Bartolini.
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