Manche Untersuchung hilft nur dem Arzt

Ultraschall-Befunde, die zu unnötigen Operationen führen, Röntgenbilder, die außer Strahlung nichts bringen - Millionen Patienten lassen sich vom Arzt zu Angeboten ohne Sinn überreden. Experten und Kassen wollen aufklären.

Ärzte in Deutschland bieten aus Expertensicht millionenfach unnütze und sogar riskante Methoden zur Früherkennung und Diagnose an. Dieses Verhalten sei unethisch, kritisierte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, am Dienstag in Berlin. Präsentiert wurden neue "Faktenboxen" der AOK. Patienten sollen so mit einem Blick erkennen, welche medizinischen Angebote unnötig, schädlich oder nützlich sind.

So ließen in Deutschland pro Jahr rund zwei Millionen Frauen eine Früherkennungsuntersuchung auf Eierstockkrebs per Ultraschall machen, sagte der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Gerd Gigerenzer. Diese Untersuchung, die die Versicherten selbst zahlen müssen, habe keinen Nutzen. Eine jährliche Ultraschalluntersuchung verringere nicht das Risiko, an Eierstockkrebs zu sterben. Stattdessen führe die wenig treffsichere Methode dazu, dass geschätzt 30 000 mal unnötigerweise ein verdächtiger Eierstock entfernt werde.

Patienten ließen sich in Scharen zu möglicherweise schädlichen Angeboten überreden, weil sie schlecht informiert seien und sich schnell von Ärzten Angst einjagen ließen, so Gigerenzer. "Mit mehr Bildung können wir bessere Gesundheit für weniger Kosten bringen."

Die AOK-Faktenboxen drehen sich unter anderem um das Impfen, Nahrungsergänzungsmittel, das Röntgen bei Rückenschmerzen sowie Stoßwellen-Therapie bei Schmerzen im Ellbogen. In einer einschlägigen Untersuchung wurden Rückenschmerz-Patienten mit und ohne Röntgen-Untersuchung verglichen. Das Ergebnis: Nach neun Monaten hatten von denen mit Röntgenbild immer noch 65 Prozent einen anhaltenden Schmerz - und 57 Prozent von denen ohne solches Bild. Angezeigt sei Röntgen gleichwohl bei Schmerzen nach Unfällen oder Verletzungen.

Auch bei der Prostata-Früherkennung durch PSA-Test und Tastuntersuchung ist laut Harding-Zentrum das Ergebnis niederschmetternd - die Todeszahlen sind der Gruppe mit und ohne Früherkennung gleich. Allerdings zeigt die Darstellung, dass von 1000 Männern mit Früherkennung 160 nach einer Gewebe-Entnahme erfahren, dass das Testergebnis ein Fehlalarm war. 20 von 1000 werden fälschlicherweise behandelt, etwa durch eine OP oder eine Strahlentherapie.
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