Marburger Wissenschaftler nehmen auf internationalem Kongress "Selfie"-Phänomen unter die Lupe
Entlarvende Selbstbildnisse

Selbst ein Gorilla aus Sand (eine Skulptur bei der 1. Berliner Sandwelt) scheint hier nicht widerstehen zu können: Selfies mit dem Smartphone sind allgegenwärtig. Bild: dpa
Arm ausstrecken, lächeln, klick - fertig ist das Selfie. Nun das digitale Selbstporträt per Smartphone an Freunde versenden oder auf Facebook posten und allen mitteilen: Das bin ich, das mache ich, hier bin ich. Millionen Menschen weltweit präsentieren sich so, auch an Blitzlicht gewöhnte Promis. Höchste Zeit also, finden Wissenschaftler, das Selfie-Fieber zu analysieren. Denn das sei "nicht einfach nur irgendein vorübergehender Hype der Netzkultur, sondern eine beachtenswerte kulturelle Praxis".

So sehen es Medienwissenschaftler der Universität Marburg in Hessen, die am heutigen Donnerstag und Freitag auf einem internationalen Kongress Herkunft, Bedeutung und weitere Entwicklung der Schnappschüsse diskutieren wollen. "Selfies gibt es ja schon länger", sagt Jens Ruchatz, Medienwissenschaftler und Mitorganisator der Tagung, zu der fast 30 Wissenschaftler erwartet werden. Doch erst seit etwa 2012 seien sie ein viel beachtetes Medienphänomen. Laut einer US-Medienpsychologin tauchten digitale Selbstbildnisse unter dem Namen Selfie erstmals 2004 im Internet auf.

Bereits Wort des Jahres

"Zur Popularität hat sicherlich auch beigetragen, dass es das Oxford Dictionary zum Wort des Jahres 2013 gemacht hat, sowie das "Oscar-Selfie" - dass also Stars diese Praxis übernommen haben", sagt Ruchatz. Das Bild, auf dem sich Hollywood-Stars wie Julia Roberts, Brad Pitt und Jennifer Lawrence knubbeln, teilte die Internetgemeinde millionenfach. Bislang gebe es nur wenige Forschungsarbeiten zum Thema, sagt Ruchatz. Daher geht es in Marburg zunächst um Grundlegendes. Etwa: Sind Selfies einfach nur eine neue Form des Selbstporträts? "Man kann natürlich Selbstporträts als Vorläufer betrachten", meint Ruchatz. "Aber haben Selfies wirklich noch etwas damit zu tun? Es geht hier weniger um ein gültiges Bild einer Persönlichkeit als um den Akt der Kommunikation, indem ich das Bild und meine Erfahrungen unmittelbar mit anderen teile."

Nicht nur für Narzissten

Andere Frage: Sind die Eigen-Fotos nur etwas für Selbstdarsteller? "Typisch ist es, ein neues Medium erst einmal zu pathologisieren", sagt Ruchatz. "Selfies sind dann der Ausdruck von Narzissmus und Selbstverliebtheit. Das gibt es natürlich auch. Aber meiner Meinung nach haben Selfies als breites Phänomen erst einmal nichts mit Narzissmus zu tun. Sie werden häufig beiläufig gemacht - und ich lasse damit Menschen an meinem Leben teilhaben."
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