Martin Svamberg entdeckt nach 25 Jahren sein Auto
Wie Trabis 1989 ganz Prag lahmlegten

Hunderte von DDR-Bürgern hielten sich im September 1989 teilweise wochenlang in einem Zeltlager auf dem Gelände der Deutschen Botschaft in Prag auf und warteten auf eine Einreisemöglichkeit in die Bundesrepublik Deutschland. Bild: dpa
 
Noch immer sucht Martin Svamberg nach den ursprünglichen Besitzern seines Trabis. Vermutlich waren es Botschaftsflüchtlinge, die das Auto 1989 in Prag zurückgelassen haben. Bild: MDR

Martin Svamberg aus dem mittelböhmischen Kolin war platt: unlängst sah er in alten Fernsehaufnahmen aus dem Herbst 1989 "seinen" Trabi. Er stand seinerzeit in einer Prager Gasse, abgestellt von Fluchtwilligen aus Bautzen, die über die westdeutsche Botschaft in den Westen gelangen wollten.

Svamberg erkannte "seinen" grünen Zweitakter an einem der Außenspiegel, der seinerzeit kein echter Trabi-Spiegel gewesen ist. So erzählt er die Geschichte den Prager Kollegen der ARD. 2001 habe er den Trabi erworben; er sei schon der dritte tschechische Besitzer des Autos gewesen, die auch zuhauf in der damaligen Tschechoslowakei fuhren.

Als er das Auto damals kaufte, zwölf Jahre nach der "Wende", erzählt Svamberg, hätten noch die alten DDR-Nummernschilder im Kofferraum gelegen. Und im Buch mit der Betriebsanleitung hätten sich tatsächlich auch noch ein paar Ost-Mark befunden. Mit Hilfe der Nummernschilder möchte er jetzt die einstigen Besitzer der grünen Gefährts gern ausfindig machen. Facebook haben er und der MDR auch schon bei der Suche eingeschaltet.



Wie der grüne Trabi im Herbst 1989 in Prag seinen Besitzer wechselte, weiß Svamberg nicht. Es gäbe da verschiedene Varianten. Es gab nicht wenige Fluchtwillige, die ihr Auto einfach irgendwo in Prag abstellten, den Schlüssel im Zündschloss stecken und die Türen offen ließen. Sollte sich bedienen, wer wollte. Man selbst brauchte die DDR-"Rennpappen" nicht mehr. Andere drückten irgend einem Tschechen die Papiere und Schlüssel dankbar dafür in die Hand, dass der den Weg zur bundesdeutschen Botschaft beschreiben konnte.

Nicht selten wurden die abgestellten Autos jedoch auch aufgebrochen und weggeschleppt, was freilich strafbar gewesen war - auch wenn die einstigen Besitzer sich nicht geschädigt gefühlt haben dürften. Die waren ja sicher, bald schon einen fahrbaren Untersatz aus dem Westen fahren zu können.

Fakt ist, dass die kommunistischen Machthaber im damaligen Prag alles andere als glücklich waren über die DDR-Autos, die die engen Gassen verstopften. Dass die Trabis und Wartburgs irgendwo im Halte- oder Parkverbot rumstanden, war das geringste Problem. Ihr Anblick zeigte den Pragern, dass die Ostdeutschen die Nase voll hatten von einem Regime, das so ähnlich sie selbst auch hatten. Nachvollziehbar, dass die Verantwortlichen des Prager KP-Regimes eine "destabilisierende Ansteckungsgefahr" befürchteten.



Die Prager Stasi-Unterlagenbehörde hat bis heute einen dicken Bericht archiviert, der zeigt, welchen Druck die damalige tschechoslowakische Staatssicherheit auf die westdeutsche Botschaft ausübte, um die "Automobilkrise" in den Griff zu bekommen. Zudem gibt es Akten, die belegen, wie sauer die Tschechen auf die damalige DDR-Führung waren und dass zu dem "Automobilproblem" ernsthafte Verhandlungen mit Ost-Berlin stattfanden.

Die Tschechen waren vor allem gegenüber der westdeutschen Botschaft nicht fein. Sie ließen zahllose Autos vom bewachten Parkplatz auf dem Kleinseitner Ring - unweit des Botschaftsgebäudes - abschleppen, nachdem die Besitzer offenkundig keine Lust hatten, sich weiterhin um ihre fahrbaren Untersätze zu kümmern. Die Kosten für den Abschleppdienst stellten die Tschechen der bundesdeutschen Botschaft in Rechnung.

Lob der Tschechen

Der bundesdeutsche Botschafter Hermann Huber organisierte später selbst in Abstimmung mit dem Prager Stadtrat den Abtransport der Autos, was die Tschechen zu einem Lob veranlasste, das Huber sicher zu einem Lachanfall veranlasst hätte - wenn er Kenntnis von den Dokumenten gehabt hätte. Der westdeutsche Botschafter wurde da nämlich nassforsch als "Genosse" Huber bezeichnet, der sich "kooperativ" zeige.

Die tschechoslowakische Stasi ihrerseits war auch nicht faul. Sie verstärkte die "operative Gruppe" des Abschleppdienstes. Zu den dort ständig tätigen 64 Fahrern kamen "operativ" weitere 50 hinzu. Die hatten auch gut zu tun: Aus einem Stasi-Dokument, dass dem obersten Stasi-Mann Aloiz Lorenc höchstselbst vorgelegt wurde, geht hervor, dass "bis zum 9. Oktober 1989, 20 Uhr, insgesamt 1525 DDR-Autos abgeschleppt wurden".

Der "Genosse Botschafter" aus dem Westen hat den Stasi-Dokumenten zufolge den zuständigen Behörden auch "vertraulich" zugesichert, dass die künftig abgestellten Autos auf einem speziellen Platz geparkt würden. Man werde zudem Kontakt mit den Ost-Berliner Behörden aufnehmen, um in der DDR verbliebene Angehörige der Autobesitzer ausfindig zu machen und denen die Autos zukommen zu lassen. Keine Auskunft geben die Stasi-Dokumente darüber, ob das tatsächlich geklappt hat.



Ende September kamen die ersten mehreren tausend Fluchtwilligen nach dem Besuch von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher in Prag frei. Als sich die Botschaft in den nächsten Tagen erneut füllte, hatten dann weder der "Genosse Botschafter" aus dem Westen, weder die Stasi in Prag Zeit noch Muße, die neue Welle der die Moldaustadt verstopfenden Zweitakter zu entsorgen. In Berlin fiel die Mauer und die Machthaber in Prag hatten alle Hände voll zu tun, um die eigene aufmüpfige Bevölkerung ruhig zu stellen.

Zweifelhafter Hehler

So wurden denn die Autos kurzerhand in staatlichen Gebraucht-Wagen-Firmen verkauft. Immerhin wurde so die kommunistische Tschechoslowakei noch zum zweifelhaften Hehler. Dies und die Tatsache, dass eine unbekannte Zahl von Trabis und Co. auf zwielichtige Art zu "neuen Besitzern" kam, ist ein Grund dafür, weshalb bis heute in Prag niemand gern über die "Automobilkrise" von vor 25 Jahren redet.

Die Flüchtlinge von damals dürfte es nicht stören. Und diejenigen, die ihrem Trabi doch noch eine Träne nachweinen, können gewiss sein, dass sich Tschechen wie Martin Svamberg sehr liebevoll um die fahrbaren Hinterlassenschaften aus DDR-Besitz gekümmert haben und teilweise bis heute kümmern. Sein grüner Trabi geht bis heute nicht nur problemlos durch den tschechischen TÜV, sondern stellt regelrecht ein Schmuckstück dar.
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