Massengrab Mittelmeer: 700 Flüchtlinge vermisst

Italienische Rettungskräfte bringen am Samstag einen Afrikaner im Hafen von Palermo an Land. Er war vom Frachtschiff "Zeran" gerettet worden. Bild: dpa

Mehrere Hundert Menschen könnten bei einer erneuten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer ertrunken sein. Es ist bereits das zweite Unglück in einer Woche. Die Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik nimmt zu.

Nach einem der schlimmsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer befürchten die italienischen Behörden bis zu 700 Tote. Ein Fischerboot mit Hunderten Menschen an Bord kenterte in der Nacht zum Sonntag vor der libyschen Küste, teilte die italienische Küstenwache mit. Bis zum Sonntagabend konnten die Einsatzkräfte 28 Überlebende retten und 24 Leichen bergen. Genaue Angaben zur Zahl der Vermissten gab es nicht, die Suche nach Opfern dauerte an. Das zweite schwere Unglück im Mittelmeer binnen einer Woche löste heftige Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik aus.

Die EU-Außenminister wollen heute in Luxemburg über Konsequenzen beraten. "Solch grausame Verbrechen erfordern eine europäische Antwort", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin. Der italienische Regierungschef Matteo Renzi sagte am Sonntag alle Termine ab und berief ein Ministertreffen ein. Der französische Staatspräsident François Hollande forderte mehr Überwachungsboote im Rahmen der EU-Grenzschutzmission "Triton". Das Unglück hatte sich kurz vor Mitternacht etwa 130 Kilometer vor der libyschen Küste ereignet. Die Flüchtlinge hatten einen Notruf abgesetzt, woraufhin der portugiesische Frachter "King Jacob" zur Hilfe eilte. Als sich dieser näherte, stürmten alle auf eine Seite des Bootes, das umkippte. Die herbeigerufenen Retter suchten den ganzen Sonntag nach Überlebenden - ohne Erfolg. "Das Wasser hat eine Temperatur von etwa 17 Grad. Wenn sich jemand an etwas festhält, könnte er überlebt haben", sagte Filippo Marini, Sprecher der Küstenwache. Viele konnten vermutlich nicht schwimmen. Die Küstenwache warnte, es werde womöglich keine Gewissheit über die Zahl der Toten geben, da das Meer an der Stelle sehr tief sei.

Laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) könnte es sich um das schlimmste Drama der jüngsten Vergangenheit in der Region handeln. "Sollte sich die Bilanz dieser erneuten Tragödie bestätigen, sind in den vergangenen zehn Tagen mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen", sagte die UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami. Anfang der Woche waren nach Berichten von Überlebenden 400 Menschen bei einem anderen Unglück umgekommen. Seit Anfang des Jahres wären es damit nach UNHCR-Schätzungen mehr als 1600 tote Flüchtlinge. (Kommentar und Seite 8)
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