Mehr als 200 Helfer im Einsatz
Der Tag nach dem Zugunglück

Zwei Kräne waren im Einsatz, um die Unglücksfahrzeuge von den Gleisen zu heben. Ein 250-Tonnen-Kran hob den Zug, ein 80-Tonner die Zugmaschine. Der größere der beiden war laut Bergungsleiter Christian Wittmann auf einer Regensburger Baustelle im Einsatz, wurde abgebaut und in die Oberpfalz beordert. Bild: Steinbacher
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Deutschland und die Welt
07.11.2015
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Ein Kreuz neben der Bahnstrecke in Gressenwöhr - nach dem Unfall im Jahr 2001. Archivbild: Unger
Freihung. (san/mte/räd) Am Tag danach ist das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Am frühen Freitagmorgen steht der aus Nürnberg gekommene Regionalexpress immer noch auf dem Gleis, rund 400 Meter nach dem beschrankten Bahnübergang beim Quarzsandwerk Strobel in Freihung-Sand. Diesen wollte am Donnerstagabend ein Tieflader überqueren. Geladen hatte er ein zwölf Tonnen schweres Militärfahrzeug der US-Armee, um es zur Reparatur zur Garnison nach Grafenwöhr zu bringen. Ein ziviler Transporteur erledigte nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberpfalz diese Aufgabe.

Gegen 22 Uhr überquert der Sattelzug den beschrankten und mit einer Lichtzeichenanlage versehenen Bahnübergang - und blieb liegen. Die Frage nach dem Warum ist auch am Tag nach dem schweren Unglück noch unklar. Ebenso, warum der Fahrer, ein 30-jähriger Rumäne, überhaupt den Weg über Freihung-Sand in den Truppenübungsplatz gewählt hatte.

Die Halbschranken senken sich, der Regionalexpress 3535 nähert sich - an seinem Ziel in Weiden wird er nie ankommen. Mit welcher Geschwindigkeit der Zug den Tieflader erfasst, ist unklar. Nach Angaben von Polizei-Sprecher Peter Krämer durfte der Zug hier 140 Kilometer pro Stunde fahren. Die Wucht muss immens gewesen sein: Die Zugmaschine wird vom restlichen Fahrzeug regelrecht abgerissen und von der Bahn mitgeschleift. Nach rund 400 Metern kommt der Zug zum Stehen. Das, was vom Tieflader übrig geblieben ist, hat er unter seiner rechten Seite begraben. Sowohl der Führerstand als auch das Erste-Klasse-Abteil brennen komplett aus.

Bilder von Wolfgang Steinbacher

Mehr als 200 Helfer

Die rund 40 Passagiere können sich aus dem in Flammen stehenden Zug retten. 18 von ihnen werden nach Angaben der Polizei verletzt, vier davon schwer. Zwei Rettungshubschrauber landen auf einer gegenüber liegenden Wiese, die Firma Quarzsand Strobel öffnet sofort ihr Unternehmen für die Opfer und die Rettungskräfte. Sozialräume werden zu einer Verletzten-Sammelstelle umfunktioniert, acht Notfallmediziner, ein Leitender Notarzt, 80 Helfer des Roten Kreuzes und ein Team der Krisenintervention kümmern sich um die Reisenden. 185 Feuerwehrleute sind am Unfallort.

Das Unglück fordert zwei Menschenleben: Der 30-jährige rumänische Fahrer wurde tot neben den Gleisen gefunden. Und um 3.30 Uhr ist am Freitagmorgen traurige Gewissheit, was viele längst befürchtet hatten: Auch der Lokführer (35) hat nicht überlebt. Seine Leiche bergen Feuerwehrleute aus dem ausgebrannten Führerstand. "Dazu mussten wir die komplette Front des Zuges entfernen", erklärt Kreisbrandrat Fredi Weiß. Akribisch durchsuchen vier Feuerwehrleute das Erste-Klasse-Abteil. Gottlob saß darin niemand - er hätte keine Chance gehabt.

Schaum wirkt besser

Die Rettungskräfte waren mit Löschschaum gegen die Flammen vorgegangen. "Die Löschwirkung ist wesentlich höher als bei Wasser, vor allem bei großer Hitze", sagt Kreisbrandinspektor Karl Luber. "Die 14 Leichtverletzten wurden nach ambulanter Behandlung aus den Krankenhäusern wieder entlassen", so Peter Krämer von der Amberger Polizei. Seit 2 Uhr ist Bergungsleiter Christian Wittmann mit seinem Team im Einsatz. Am Freitagvormittag kommen zwei Kräne nach Vilseck: Ein 250-Tonner und ein 80-Tonner. Der größere war "auf einer Regensburger Baustelle im Einsatz, wurde abgebaut und hierher beordert", sagt Wittmann, als er um kurz vor 18 Uhr die Gerätschaften wieder abbaut. "Der 80-Tonnen-Kran hob den Lkw, der andere den Zug." Den verunglückten Regionalexpress werde die Bahn selbst weiterschleppen, weiß der Bergungsleiter. Für alle Beteiligten neigt sich ein enorm langer Einsatz langsam dem Ende zu.

Zwei Tote und 16 Verletzte, vier davon mittelschwer, sind die Bilanz eines schweren Zugunglücks an einem Bahnübergang bei Freihungsand nahe Freihung (Kreis Amberg-Sulzbach). Laut Mitteilung des Polizeipräsidiums Oberpfalz raste ein Regionalzug in einen Schwertransporter. Die Ermittler suchen nach der Unfallursache. Bilder von der Feuerwehr Hirschau, Kristina Sandig und Gerhard Franz.

Tragische Parallelen - Zugunglück von 2001 nur wenige Kilometer entfernt

Die Szenen des Bahnunglücks in Freihung rufen Erinnerungen an den 22. Juni 2001 wach. Damals ereignete sich ein ähnlich schwerer Unfall nur wenige Kilometer weiter westlich an einem Bahnübergang bei Gressenwöhr (Stadt Vilseck, Kreis Amberg-Sulzbach). 3 Menschen starben und 23 wurden verletzt, als gegen 8.30 Uhr ein von Weiden nach Nürnberg fahrender Regional-Express mit hoher Geschwindigkeit in einen Truck der US-Armee krachte.

Der Triebfahrzeugführer hatte die Gefahr noch erkannt und eine Schnellbremsung eingeleitet. Wegen der kurzen Distanz von 140 Metern zum Bahnübergang und der Geschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde war es aber unmöglich, den Zug noch vor dem Lastwagen zum Stehen zu bringen. Zwischen beiden Unglücken gibt es erschreckende Parallelen: Auf den Gleisen war jeweils ein Fahrzeug liegengeblieben, das für die US-Armee unterwegs war. Die Fahrer der Lastwagen konnten den Bahnübergang nicht mehr rechtzeitig räumen, als der Zug heranbrauste, und starben beim Zusammenstoß. In beiden Fällen kamen auch die Lokführer ums Leben, die vermutlich sofort tot waren, als in Sekundenbruchteilen ihre Führerstände zerfetzt wurden. Schließlich handelte es sich bei den Zügen jeweils um Neigetechnikzüge der Baureihe 612, die bei dem Unfall im Jahr 2001 erst kurz im Einsatz war.
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