Mehr als eine Pilgerfahrt

Das Turiner Grabtuch fordert nach den Worten von Papst Franziskus zur Hilfe für Leidende und Verfolgte auf. "Die Liebe Christi drängt uns", sagte er am Sonntag beim Angelus-Gebet am Ende einer Messe mit Zehntausenden Teilnehmern auf der Piazza Vittorio in Turin. Zuvor hatte Franziskus vor dem Grabtuch im Turiner Dom gebetet. Bild: dpa

Es ist nicht nur eine Reise zum Grabtuch: In Turin lenkt Papst Franziskus wieder den Blick auf die Not der Migranten - und zeigt unerwartete Heimatgefühle.

Das Schlüsselmotiv bot diese Papstreise gleich zu ihrem Beginn: Minutenlang saß Franziskus in sich gesunken und mit geschlossenen Augen im Halbdunkel vor dem Turiner Grabtuch. Wofür mag er gebetet haben? Probleme hat die norditalienische Industriemetropole, in die der Papst am Sonntag flog, zur Genüge.

Einst ein Motor des italienischen Wirtschaftswunders und Millionenstadt, kämpft die Fiat-Stadt heute wie wenige andere mit der Dauerkrise des Landes. Die Arbeitslosigkeit lag zuletzt bei fast 13 Prozent. Gleichzeitig hat die Mafia Turin als Tummelplatz entdeckt. Potenzial für soziale Spannungen liefert auch die Migrationsfrage. Die von der Forza Italia und der rechtspopulistischen Lega Nord regierte Region Piemont weigert sich, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

Keine Anbetung des Geldes

Reichlich "Franziskus-Themen" also. Der Papst sprach sie alle noch vor seinem Gang zu dem im Dom ausgestellten Grabtuch an. "Die Arbeit ist nicht nur für die Wirtschaft notwendig, sondern auch für die menschliche Person, für ihre Würde, für ihre Teilhabe am Staat und den gesellschaftlichen Zusammenhalt", sagte er in Gegenwart geladener Gäste vor der Kathedrale. Erneut prangerte er die skandalös hohe Jugenderwerbslosigkeit an und - auch dies inzwischen ein Charakteristikum bei ihm - kritisierte die Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt.

"'Nein' zu einer Wirtschaft, die Menschen wegwirft ... 'Nein' zur Anbetung des Geldes ... 'Nein' zur Korruption ... 'Nein' zur Ungerechtigkeit, die Gewalt erzeugt", rief er. Migranten dürften nicht als Sündenböcke dienen; sie selbst seien Opfer einer Weltwirtschaft, der es nicht um den Menschen und das Gemeinwohl gehe.

"Ein Enkel dieser Erde"

Als Franziskus in seiner Predigt davor warnte, durch das Schüren von Fremdenangst eine "geschlossene Gesellschaft" anzustreben, schien dies direkt an die anwesenden Politiker gerichtet. Das Bild des Gekreuzigten auf dem Grabtuch mahne zur Hilfe für Leidende und Verfolgte, so Franziskus.

Bei ihm selbst kam derweil auch Heimatgefühl auf: "Ich bin ein Enkel dieser Erde", bekannte er während der Messe. Sein Vater wanderte 1929 aus der piemontesischen Stadt Asti nach Argentinien aus. Hörbar berührt zitierte der Papst aus einem Gedicht des Turiner Poeten Nino Costa. Am Montag, dem zweiten Besuchstag, verbringt er gleich mehrere Stunden bei einem privaten Treffen mit Verwandten.

Das Mittagessen nahm Franziskus in der Residenz des Erzbischofs mit Häftlingen, Flüchtlingen und Obdachlosen ein - auch das inzwischen ein fester Bestandteil von Papstreisen. Danach begab er sich im offenen Wagen durch dicht gesäumte Straßen auf die Spuren der heiligen Helden Turins.
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