Nach langer Planung: Wiesmühl-Bachl verändert die Landschaft an der Naab zwischen Nabburg und ...
Umbruch in Daumenickerls Uferreich 

Es muss nicht immer vom Größten sein, nicht Rhein-Main-Donau- oder Kaiser-Wilhelms-Kanal - oder gar eine nagelneue mittelfränkische Seenplatte. Nein, auch im Kleinen verändert sich unsere Gewässerlandschaft. In unserem Falle nur um ein knapp 400 Meter langes Bächlein - falls der Begriff "Bächlein" auch für einen bloßen Seitenarm eines Flusses beansprucht werden darf.

Der Hauptstrom der Naab fließt auf der Wiesmühlseite durch das Poschenriedersche Kraftwerk, das ehemals unsere Mühle (1991 stillgelegt) mit Strom versorgte, auf der Stadtseite durch die zwei Turbinen der Ledermühle. Das Wiesmühl-Anwesen steht - nicht allen gleich offensichtlich - zum größten Teil auf einer Insel. Denn oberhalb des Wehrs zweigt seit alters der Brauereigraben ab, an welchem früher die "Hussiten-Brauerei" betrieben wurde. Heute gibt es da keine Brauerei mehr, aber das kleine Wasserkraftwerk Graf. Über den Brauereigraben hin führt eine Brücke auf das Inselanwesen der Wiesmühle. Hinter dem Auslauf des Grafschen Kraftwerks wird der Graben von der Poschenrieder-Mühlengebäude überbrückt und mündet etwa 50 Meter unterhalb des Wehrs wieder in die Naab.

Wasser zweigt ab

Diesem Brauereigraben gesellt sich nun bald ein weiteres künstliches Gewässer hinzu: Das Wiesmühl-Bachl (und zwar auch amtlich in der heimatlich-bairischen Form "Bachl", also bewusst nicht "Bächelchen" oder "Bächlein"). Es ist, wie angedeutet, eigentlich ein zusätzlicher Naab-Arm - ähnlich dem bestehenden Brauereigraben. Die Naab selbst macht uns alljährlich vor, wie sie es mit ihrem Flussbett hält: Wird es ihr zur Hochwasserzeit zu eng, dann tritt sie einfach über die Ufer und macht sich die Wiesmühl-Wiesen mit zueigen.
Das Wiesmühl-Bachl nun ist ein Graben, der künstlich durch diese Flutwiesen gebaggert wird und durch den in Zukunft eine ständige Wassermenge von 627 Litern je Sekunde rauschen wird. Weil das Naab-Oberwasser durch elektronische Überwachung immer auf einem bestimmten Mindestpegel angestaut bleibt, wird diese Durchlaufmenge auch nie unterschritten werden, sondern geht von der den insgesamt vier Turbinen zur Verfügung stehenden Wassermenge ab; die Kraftwerkseigner bekommen dafür eine Entschädigung über den Strompreis. Bei Hochwasser wird das Wiesmühl-Bachl dann unter Wasser verschwinden - wie bisher schon die Wiesen.

"Zu welchem Zwecke nun aber das Wiesmühl-Bachl?", mag sich manch einer fragen. Dessen Bau verschlingt immerhin Hunderttausende - Geld, das übrigens zu einem Teil von den Kraftwerksbetreibern, zum anderen vom Freistaat Bayern aufzubringen ist.

Lockerung von Schwellen

Mit dem Bau immer leistungsfähigerer Stau- und Kraftwerksanlagen sind unsere bayerischen Flüsse zu einer Aneinanderreihung von Stau-Becken geworden, von denen das Wasser und gegebenenfalls das darin befindliche Leben sich von Wehr zu Wehr flussab bewegt. Wollen Wasserlebewesen - wie es ihre Natur ist - auch stromauf wandern, dann können sie das nur bis zum nächsten Wehr. Dort ist Ende. Das natürliche Leben im Fluss bleibt weitgehend auf seinen künstlichen Flussabschnitt beschränkt, es erfolgt flussauf kein genetischer Austausch, keine Fischwanderung, keine Ausbreitung der Artenvielfalt mehr.
Daher fordern und fördern Naturschutz und Regierung, dass diese undurchdringlichen Hemmschwellen wieder aufgelockert werden, in der Regel durch Fischtreppen mit stetiger Restwasserführung, welche das durch die Stauungen entstandene Gefälle an den Wehren in kleineren "stufenartigen" Portiönchen überwinden und so den Wasserlebewesen wieder ermöglichen, flussan zu wandern.

Es gab zwei Varianten

Wie wirksam und vor allem biologisch nachhaltig diese Maßnahmen sind, maße ich mir nicht zu beurteilen an. Auch weiß ich nicht, inwieweit überhaupt noch ein "natürliches" Leben in der Naab vorhanden sei oder vielmehr fast alle Fische vom Angelverein eingesetzt und wieder herausgeangelt werden. Man sagt, die Nasen (auch Barben geheißen) seien ein Grundbesatz der Naab bei uns; für Fischarten wie diese wäre dann die Fischtreppe vorwiegend - jedenfalls soweit ich es verstehe. Womöglich ist das Ganze nur einer der politischen Schachzüge, die in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen? In diesem Falle glaube ich persönlich das allerdings nicht, sonst hätte ich mich nicht für das Unterfangen eingesetzt.

Schwierige Verhandlungen

Wie dem auch sei, etwa um die Jahrtausendwende trat das Wasserwirtschaftsamt (WWA) an uns mit der Forderung heran, solch eine "Durchlässigkeit am Wehr" zu schaffen. Die landschaftlichen Gegebenheiten lassen keine Bauten auf der Ledermühl-Seite zu. Daher gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder würde das Wehr in der Mitte durchtrennt und ein riesiges Bauwerk mitten in den Fluss gestellt, das in sich eine Fischtreppe bergen würde - oder man grübe einen Bach irgendwo vom Ober- zum Unterwasser durch die Wiesen, um das Gefälle von immerhin über 1,6 Metern fischfreundlich zu überwinden. So war die uns zur Erörterung und Entscheidung vorgelegte Ausgangslage (also nicht etwa: "Fischtreppe ja oder nein?").

Mir war gleich klar, dass die erste Möglichkeit nicht nur vom Aufwand (Errichtung und Wartung eines Bauwerks mitten in der Naab!) und der Wirksamkeit her sehr fraglich sei, sondern auch äußerst ungünstig ins Landschaftsbild eingriffe. Daher haben mein Bruder Hans-Peter (1958 bis 2001) und ich die zweite Möglichkeit unterstützt. Hier bot sich auch die Gelegenheit, das Landschaftsbild unserer Heimat durch naturnahe Gestaltung eines sich schlängelnden Bachlaufes zu bereichern, also einmal der überall fortschreitenden Glattbügelung, Sterilisierung und Verrechteckigung unseres Landes entgegenzuwirken. Allerdings würden wir einen beachtlichen Teil unseres Grundes dafür zur Verfügung stellen müssen, und die uns verbleibende Nutzfläche würde in mehr oder weniger günstiger Weise durch den Graben (und den Uferweg) durchtrennt.
Die Jahre seither waren geprägt von mehr oder minder eingehenden, zeitweise entschiedenen Verhandlungen mit dem WWA, die sich oft schwieriger als gedacht gestalteten. Dabei war ich der einzige Befürworter der Bach-Lösung auf seiten der betroffenen Eigentümer. Konstruktive Vorschläge von außen sind während all der Verhandlungen nicht an mich herangedrungen, dafür umso mehr Warnungen von Bedenkenträgern, welche "an unserer Stelle niemals auch nur einen Finger breit Bodens für so einen Krampf hergäben". Hier war immer wieder zu erfahren, wie wenig Gemeinsinn doch allgemein vorhanden ist.

Weg auf neuer Trasse

Am 17. September 2008 schließlich konnte meine Mutter Maria Poschenrieder (*1932) den Vertrag unterschreiben, und wir hoffen, dass das neue Bachl für alle und für unsere Heimat eine offensichtliche Bereicherung bringt - und natürlich auch seinen Zweck als Fischleiter wirksam erfüllt. An dieser Stelle sei Wolfgang Hanfenbradl vom WWA lobend genannt, der durch seinen menschlich sehr verträglichen Einsatz wesentlich zum Gelingen der Einigung zwischen allen Beteiligten beigetragen hat.
Es waren Gestalt und Verlauf des neuen Bachbettes auszuhandeln, Verlegung der Versorgungsleitungen sowie Gestaltung des Umfeldes nach Abschluss der Bauarbeiten. Für den Uferweg wollte eine neue Trasse gefunden werden. Die künftigen Verläufe von Bachl und Weg sind dem abgebildeten Übersichtsplan zu entnehmen. Uns ist auch wichtig, dass der Rohrdurchlass unter unserer Zuwegung und die Querung des Uferwegs über dieselbe nicht nur verkehrssicher, sondern auch natürlich-anmutig und nicht nüchtern-klotzig gestaltet werden, so dass sie für das Auge und die Landschaft eine Bereicherung darstellen, keinen Fremdkörper.

Jetzt im Bau

Am 14. Oktober 2008 erfolgte der erste "Baggerstich". Der geneigte Bürger wird die nächsten Monate augenscheinlich verfolgen können, wie das Wiesmühlbachl sich Meter um Meter weiter in unsere Wiesen "fressen" wird. Irgendwann im Frühjahr 2009 wird die Maßnahme dann wohl mit den letzten landschaftspflegerischen Gestaltungen abgeschlossen werden. Hoffentlich hat das Hochwasser bis dahin Mitleid mit den Bauleuten und bleibt diesmal aus!

Und wenn alles vorbei ist, dann ist auch ein Fleck Erde zur Unkenntlichkeit umgestaltet, der mir seit meiner Kindheit vertraut war. Hier spielte ich in den Kräutern der Wiese, kaute Sauerampfer, suchte mit Großvater (Sepp Poschenrieder d.Ä. - 1892 bis 1990) Schwammerln und ließ mir von ihm aus Uferweidenzweigen Pfeiferln schnitzen. Aber wenn ich es so bedenke, dann ist es künftig noch besser: Nicht nur die hässlichen Oberleitungsmasten sind inzwischen verschwunden, auch der Biber ist wiedergekehrt, und vielleicht kommen bald noch andere bisher verdrängte Alteingesessene an die Naab zurück. Und die Wiesen? Die gewinnen gewiss an Reiz und Vielfalt, wenn das Wiesmühlbachl sie durchsprudelt.

Neue Träume

Auf den Wiesen spielt die Geschichte vom "Daumenickerl und dem Fisch", die mein Großvater mir so oft erzählte. Es ist genau die Stelle am Oberwasser, an der der neue Bach nun abzweigen wird. Dort angelte den Erzählungen Großvaters zufolge oft unerlaubterweise seine liebste Märchengestalt, der "Daumenickerl", bis er von einem großen Hecht ins Wasser hineingezogen und vom Fischjackl in Perschen auf abenteuerliche Weise wieder gerettet wurde. Künftig wird der Daumenickerl spitzbübisch am Einlauf des Wiesmühl-Bachls stehen und sich freuen, wie schön man hier träumen kann. Großvaters Erzählung werde ich bald in meinem Verlag als Kinder-Bilderbuch herausbringen, und dann können Sie als Uferwanderer vor Ort in die kleine Welt eintauchen, welche gerade so nachhaltig - und so zum Schönen! - umgestaltet wird!
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