Nichts geht mehr: Griechenland stellt die Zahlungen ein

Dramatische Stunden in Brüssel, Berlin und Athen: In Griechenland haben die Geldhäuser geschlossen, nur noch Mini-Beträge können abgehoben werden. Nun kann Athen auch seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht mehr bedienen.

Mit flammenden Appellen will Europa die Griechen doch noch auf ein Ja zum Spar- und Reformpaket der Geldgeber einschwören. "Ein ,Nein' würde ein Nein zu Europa heißen", sagte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker am Montag in Brüssel mit Blick auf das für Sonntag angekündigte Referendum. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versicherte, man werde sich weiteren Verhandlungen nicht verschließen, wenn Athen nach der Volksabstimmung darum bitten sollte: "Wenn jemand mit uns sprechen möchte, sind wir jederzeit bereit zu sprechen."

Das hochverschuldete Land kann auch die heute fällige Rückzahlung über 1,54 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht leisten. "Griechenland hat angekündigt, den IWF nicht zu bezahlen, damit entfällt jede künftige Zahlung durch den IWF", sagte Schäuble am Montagabend im ARD-"Brennpunkt". Der IWF in Washington wollte den Ausfall nicht kommentieren.

In Griechenland bleiben Banken und Börse bis Anfang kommender Woche geschlossen. An Geldautomaten dürfen Griechen seit Montag maximal 60 Euro pro Tag abheben, für ausländische Bankkarten soll die Beschränkung aber nicht gelten.

"Grexit" rückt näher

Griechenlands Premier Alexis Tsipras bat erneut um eine kurzfristige Verlängerung des Hilfsprogramms "um ein paar Tage". Diese Bitte wird aber von den EU-Staats- und Regierungschefs abgelehnt, wie Gipfelchef Donald Tusk an Tsipras schrieb. Tusk wies demnach darauf hin, dass Griechenland neue Hilfen beantragen könne. Nach Schäubles Worten würden Verhandlungen dann aber "ganz von vorne" anfangen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) quittierte die angekündigte Volksabstimmung, indem sie die Kreditwürdigkeit des Landes um eine Stufe auf "CCC-" senkte. Damit sieht S&P nun eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Zahlungsausfall. Die Wahrscheinlichkeit eines Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone liege nun bei 50 Prozent.

SPD-Chef und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sagte, die Abstimmung am Sonntag werde darüber entscheiden, ob Griechenland im Euro bleibe oder nicht. Den Griechen müsse die Tragweite bewusst sein: "Es ist im Kern die Frage, Ja oder Nein zum Verbleib in der Eurozone." Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) warb für ein Ja der Griechen. "Ich kann nur empfehlen, dass das griechische Volk mit Ja stimmt", sagte Schulz in Brüssel.

Die vorerst gescheiterte Einigung im griechischen Schuldenstreit hat dem Dax den größten Tagesverlust seit Jahren eingebrockt. Ein Crash an Europas Börsen blieb wie von Experten erwartet am Montag aber aus. Der Dax schloss 3,56 Prozent schwächer bei 11 083,20 Punkten. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 sackte um 4,21 Prozent auf 3468,90 Punkte ab. Die dramatischen Ereignisse warfen den Euro vorerst nicht aus der Bahn. Nachdem die Gemeinschaftswährung zunächst um zwei US-Cent schwächer in die neue Woche gestartet war, konnte der Euro seine Verluste im Tagesverlauf wieder wett machen.

Kostenloser Nahverkehr

Angesichts von Bargeld-Engpässen in Griechenland soll der Nahverkehr im Großraum Athen die gesamte Woche über kostenlos sein. Busse und U-Bahnen sollten spätestens ab heute in der gesamten Region bis 7. Juli ohne Tickets genutzt werden dürfen, sagte der stellvertretende Verkehrsminister Christos Spirtzis.
Weitere Beiträge zu den Themen: Weltgeschehen (20753)Juni 2015 (7771)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.