"Nichts tun ist bei Unfällen die schlechteste Lösung"

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) macht es vor. Er übt an einer Reanimationspuppe die Technik Wiederbelebung durch Herzdruckmassage. Experten empfehlen alle fünf Jahre das Wissen über Erste Hilfe aufzufrischen. So verschwände auch die Unsicherheit in Fall des Falles. Bild: dpa

Auf der Autobahn rasen mehrere Fahrzeuge aufeinander - doch statt zu helfen, schleichen sich mehrere Fahrer über den Standstreifen davon. War es Angst oder Eile?

Wegschauen ist einfach. Als am Wochenende auf der dreispurigen Ost-West-Autobahn 2 bei Magdeburg mehrere Autos kollidieren und die Trasse blockieren, fahren andere über den Standstreifen einfach weiter. Den sechs Verletzten helfen? Das halten nicht alle für notwendig. Der Fall löst eine Debatte über Hilfe im Notfall aus.

"Wir haben ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet, weil 10 bis 15 Fahrzeuge vorbeigefahren sind", sagt die Sprecherin der Autobahnpolizei Börde in Sachsen-Anhalt, Doreen Günther, am Montag. Es hätten zwar einige Leute angehalten. Aber ihre Zahl reichte angesichts der großen Menge der Verletzten nicht aus. "Hilfe war noch vonnöten."

Unterlassene Hilfeleistung kommt in Deutschland jeden Tag viele Male vor. Die Kriminalstatistik für das Jahr 2013 listet fast 1800 Fälle auf. Doch die Dunkelziffer dürfte groß sein. Egal ob Autounfälle, Prügeleien in der Straßenbahn oder misshandelte Kinder - einfach wegschauen und ignorieren kommt immer wieder vor. Erst am Sonntagabend sahen mehr als zehn Millionen Zuschauer den Kölner "Tatort", der fehlende Zivilcourage und Hilfsbereitschaft anprangerte. Ein Schwerverletzter schleppt sich im Film zu einem Mehrfamilienhaus. Doch keiner hilft. Im Vergleich zu Mordfällen sind Unfälle im Verkehr Alltag. Erst im Januar hatte die Dekra eine Umfrage veröffentlicht, wonach jeder zweite Autofahrer bei Erster Hilfe am Unfallort zögert. 45 Prozent gaben als Grund an, sie hätten Angst, etwas falsch zu machen. Termindruck und Eile seien dagegen nur für fünf Prozent ein Grund, sich zu drücken. "Es ist oft dieses unsichere Gefühl, wie mache ich das richtig", sagt die Sprecherin des ADAC Sachsen-Anhalt/Niedersachsen, Christine Rettig. Das sei aber kein Argument: "Nichts tun ist definitiv die schlechteste Lösung." Der ADAC empfehle, alle fünf Jahre sein Wissen um die Erste Hilfe aufzufrischen. "Man fühlt sich sicherer, wenn man es trainiert." In der Praxis sei zudem die Gefahr, etwas falsch zu machen, gering.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) mahnt mehr Zivilcourage an. "Appellieren möchte ich an alle Verkehrsteilnehmer, dass Rücksicht und Verantwortung im Straßenverkehr bereits beim Einsteigen in das Fahrzeug beginnen." Gleichzeitig warnt er aber auch vor einer Vorverurteilung. "Inwieweit hier individuelles Fehlverhalten Einzelner vorgelegen hat, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen."

Immerhin: Von den Fällen aus der Kriminalstatistik wurden mehr als 80 Prozent aufgeklärt. Das Gesetz sieht für unterlassene Hilfeleistung Strafen von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vor. Voraussetzung für eine Verurteilung ist aber immer, dass dem Beschuldigten die Hilfeleistung "den Umständen nach zuzumuten" ist - also zum Beispiel ohne eine erhebliche eigene Gefährdung.

Der Unfall auf der A2 bei Schackensleben war nach ersten Ermittlungen ausgelöst worden, als ein 44-Jähriger in ein Stauende fuhr. Entgegen ersten Berichten hat die Polizei allerdings keine Hinweise, dass Gaffer vom Unglücksort auch noch Handy-Fotos machten. Doch auch Vorbeifahren kann strafbar sein.
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