«Niklas» trifft Bahnfahrer hart
«Suchen Sie sich eine Unterkunft!»

Für viele Reisende endet die Zugfahrt an einem Bahnhof fernab vom eigentlichen Ziel. Bild: dpa

Sie kommen irgendwo an - und nicht mehr weg: Für viele Reisende endet die Zugfahrt an einem Bahnhof fernab vom eigentlichen Ziel. Der Grund: «Niklas», das Sturmtief. Besonders hart trifft es die Pendler.

München/Düsseldorf. (dpa) «Bitte suchen Sie sich für den heutigen Tag eine Unterkunft!» Ungläubige Gesichter nach dieser Durchsage am Münchner Hauptbahnhof für Fahrgäste aus der Umgebung. Der Hauptbahnhof der Landeshauptstadt ist auf unbestimmte Zeit gesperrt. Das Orkantief «Niklas» hat den Bahnverkehr in Bayern weitgehend lahmgelegt.

Die Bahnhofshaupthalle ist geräumt. Laut Bundespolizei brachte das Unwetter im Bereich der Gleise eine Glasscheibe zum Bersten, Splitter fielen auf die Gleise. Niemand wurde verletzt. Aber aus Sicherheitsgründen wurde die Gleishalle evakuiert.

Rollgitter versperren nun den Zugang, Menschen drängen sich mit Koffern, Kinderwagen, Rucksäcken, Snowboards. Manche bleiben ruhig, andere sind am Rande ihrer Belastbarkeit. «Mama, es geht nix mehr», ruft eine Frau in ihr Handy. Andere tippen eifrig Nachrichten, suchen im Internet nach Informationen. Doch der Fernverkehr der Deutschen Bahn von und nach Bayern ist seit dem Nachmittag komplett eingestellt.

«Wir versuchen es per Taxi», sagt ein Mann in sein Mobiltelefon. Doch Taxis sind kaum zu bekommen. Der Wind peitscht den Regen über die Straße vor dem Bahnhof - der Taxistand ist leer.
«Ich weiß nicht, wie ich heimkomm. Ich überlege, ob ich ins Büro zurückgehe und auf dem Schreibtisch schlafe», sagt Karin Hefele, sie arbeitet bei einer Bausparkasse. «Seit 27 Jahren fahre ich nach München - aber sowas habe ich noch nicht erlebt.»

Rund um den Bahnhof hat ein Ansturm auf die Hotels begonnen. «Ausgebucht», heißt es an den Rezeptionen. Die Leute hätten das Hotel regelrecht gestürmt, berichtet ein Mitarbeiter. Manche, die kein Zimmer mehr bekamen, sitzen nun ratlos wartend auf den Eingangsstufen - immerhin unter einem Dach.

«100 Minuten Verspätung» steht auf der Anzeigetafel am Düsseldorfer Hauptbahnhof neben der Abfahrtszeit. Wer auf diesen Zug setzt, hat noch Glück. Denn neben den meisten Zügen steht der Hinweis «Zug fällt aus». Reisende schauen immer wieder abwechselnd auf die Anzeige in der Eingangshalle und auf ihr Mobiltelefon - als könne ihnen das Gerät jetzt helfen. Dann schallt eine eilige Durchsage durch die Halle: «Auf Gleis 10 fährt in wenigen Minuten ein ICE nach Frankfurt ein.» Die Masse setzt sich in Bewegung.

Sturmtief «Niklas» hat auch Zehntausenden Pendlern in Nordrhein-Westfalen den Feierabend vermasselt. Es zog über das Land hinweg, beschädigte Gleise und Oberleitungen, brachte die Fahrpläne der Bahn durcheinander und die Hotline zum Glühen. Schließlich kapitulierte die Deutsche Bahn und stellte den Nahverkehr in dem Pendlerland für den kompletten Tag ein. Glück hatten nur Fahrgäste einzelner Fernverbindungen und Reisende in den privat betriebenen Zügen. Die anderen konnten nur mit Taxis, Mietwagen, Taxis oder Bussen an ihr Ziel gelangen.

Etwa 1,3 Millionen Reisende nutzen in NRW täglich die Busse und Bahnen der Deutschen Bahn. «Zum Glück fährt mein Zug», freut sich ein Berufspendler. Der 50-Jährige arbeitet in Düsseldorf und muss nach Viersen am Niederrhein. 30 Minuten Verspätung hat seine Bahn. «Ja, das ist ja fast normal.»

Gelassen gibt sich eine 57-jährige Frau am Kölner Hauptbahnhof. Dem Unwetter begegnet sie mit Sarkasmus: «Ich habe ein NRW-SchönerTagTicket gebucht, es sollte eigentlich ein schöner Tag werden», sagt sie und nippt an ihrer Tasse. Ihre Fahrt nach Gütersloh falle nun wohl ins Wasser. «Immerhin habe ich kein Geschäftstermin. Nur der tibetische Masseur, der geht uns jetzt durch die Lappen.» Ihre 56 Jahre alte Begleiterin entscheidet: Die beiden Frauen aus Köln kehren um, zurück nach Hause.

Vor dem Infoschalter schiebt sich die lange Warteschlange nur langsam voran: Koffer-Kolonnen, Smartphone-Tipper, Telefonierer mit sorgenvollem Blick. Ganz hinten, direkt vor den Eingangstüren, fragen sich drei Teenager-Mädchen: «Ist das das Ende der Schlange?» Andere drehen frustriert ab. Zwei junge Männer wollen nicht selbst für die Kosten einer Extrafahrt aufkommen: «Alter, ich habe keinen Bock in Vorleistung zu gehen.»

Einige Bahn-Mitarbeiter haben sich in der Wartehalle am Kölner Hauptbahnhof kurzerhand zur menschlichen Informationssäule umfunktioniert. Ein Mann diskutiert hitzig mit einem Schaffner. An einer anderen Stelle steht eine 20-Jährige mit roter DB-Umhängetasche um die Schultern, Stift, Block, Tablet-Computer. Sichtlich bemüht jongliert sie die Anfragen, auf Deutsch, auf Englisch. Frage um Frage, und sie kann doch nur das eine sagen: «Es fährt nichts, komplett nichts».
Zum Feierabend hin leises Aufatmen in der Domstadt - wenigstens bei den Reisenden auf den Fernverbindungen.