Nordfriesland im Herbst: nach dem Sturm zu Fuß auf die Hamburger Hallig
Rauchschwalben flitzen übern Deich

Der unversperrte Blick, wie beim eineinhalbstündigen Weg durch die Marschwiesen von und zur Hamburger Hallig, gibt Gelegenheit, die Weite Nordfrieslands an der Nordseeküste zu erfassen. Bilder: Ibl (2)
 
Nordfriesland im Herbst verblüfft mit Lichtspielen, die jeden Fotografen begeistern.
Lieber Witzwort als Kotzenbüll. Wenn es nach den Namen der beiden Orte zwischen Husum und Sankt Peter-Ording geht, ist das Ergebnis eindeutig. Ebenso klar fällt die Zustimmung für den hohen Norden der Bundesrepublik mit Attraktionen jenseits von Küste und Inseln, zwischen Nordsee- und Ostseestrand als Urlaubsziel im Herbst aus. Ein angenehmer Ausgangspunkt für Ausflüge zu den beiden Küsten ist Schwabstedt an einer engen Flussschleife der Treene mitten in Nordfriesland.

Wenige Kilometer flussabwärts mündet die Treene bei Friedrichstadt in die Eider, die durch das gleichnamige Sperrwerk ein Begriff ist. Knapp 40 Kilometer ist das Bollwerk gegen die Kraft der Nordsee von der Treeneschleife entfernt und lohnt bei - fast - jedem Wetter einen Besuch. Während die Autos durch einen Tunnel die Verbindung zwischen Fluss und Meer überqueren, sehen Fußgänger aus nächster Nähe die Dimensionen der je 40 Meter langen Eisentore. Sehenswert auf dem Rückweg ist das Städtchen Tönning mit Marktplatz, Backsteinkirche und idyllischem Hafen.

"Wollen wir für Oma etwas Öko-Matsch mitnehmen?", fragt der Vater den Steppke auf seinen Schultern, der eine Schaufel mit ganz langem Stiel auf den Meeresboden schleppt. In jedem Tourismusbüro und jeder der vielen Infostellen des Nationalparks Wattenmeer liegen Faltblätter mit den Zeiten für Wattwanderungen aus. Je nach Kondition, Gezeiten und Führer gibt es Wissenswertes zu Wattwürmern oder Vegetation, zu Sturmfluten und Strandgut oder auch sportliche Herausforderungen, um vor der nächsten Flut am Ziel zu sein.

Steter Wetterwechsel

Selbst in der kühleren Jahreszeit ist es möglich, nicht nur mit Gummistiefeln, sondern auch barfuß auf dem mal festen, mal morastigen, mal glitschigen Sandboden zu laufen. Ein Muss sind Mütze, Anorak und Kapuze, wenn man nicht gerade einen windstillen Altweibersommertag erwischt. Sonst sorgt der stete Wechsel von Sonne, Wolken, Regen und allen anderen nur denkbaren Himmels-Schattierungen für eine unermüdlich attraktive Fotokulisse.

Vogelkundler haben ihre helle Freude, mit dem Fernglas, dem Teleobjektiv oder dem bloßen Auge Schwärme an Vögeln einzelnen Arten zuzuordnen. Auf der Durchreise in die Winterquartiere machen sie Rast und stärken sich am reichen Nahrungsangebot des Watts für den Weiterflug. Vor schwarzen Wolken tauchen ihre Formationen fast geisterhaft auf, zeigen sich kurz im Sonnenlicht und sind gleich darauf wieder für das Auge verschwunden.

Regenpfeifer und Störche

Kiebitze, alle möglichen Gänsearten, Austernfischer, Regenpfeifer, dazwischen Möwen lassen sich in Schwärmen nieder, fressen und fliegen wieder auf. Beim Gang zwischen den Schafen auf den Deichen streifen Rauchschwalben bei Sturm fast den Ärmel. Erholsam in all dem Gewimmel ist die Landung von über 30 Störchen auf einer Salzwiese bei Sankt Peter-Ording. "Jeden Tag sind jetzt andere Vögel hier", sagt ein Rentner, der kaum den Blick abwendet von seinem Beobachtungsglas auf der Vogelstation der immerhin sechs Meter hohen Warft Schafberg auf halbem Weg zur Hamburger Hallig weiter im Norden.

Der erste Versuch, die knapp fünf Kilometer vom Amsinckhaus, einem Infozentrum des Nationalparks Wattenmeer, zur Landschaft des mittleren Nordfrieslands, zum Hallig-Kroog zu wandern, schlug wegen Sturms und Hochwassers fehl.

Das Wirtshaus, das der Nationalpark-Service von Ostern bis Ende Oktober sowie im Winter zeitweise am seeseitigen Rand der Marschinsel bewirtschaftet, ist bei normalem Wasserstand auch mit dem Rad oder auf einer mautpflichtigen Straße mit dem Auto zu erreichen - wenn die Nordsee nichts dagegen hat. Nicht nur an dieser exponierten Stelle zeigt die Gastronomie ihr Können. Wenige Kilometer entfernt lädt das Hotel Bongsiel "Dat swarte Peerd" zu Aal, Fisch und Lamm ein. Mehr noch als direkt an der Küste strengen sich die Küchenchefs im Landesinneren an wie im "Stapelholmer Heimatkroog" der beiden Künstler Jan und Ute Franzen in Seeth oder dem Hotel zur Treene in Schwabstedt.

Kanutour im Binnenland

Was gibt es noch zu entdecken? Museen zur Nordsee und dem Watt in Tönning und zu Sturmfluten in Büsum, zur Schifffahrtsgeschichte in Husum und über die Wikinger in Hollingstedt und Schleswig für Tage voller Regen oder Nebel, Paddeltouren auf der Treene, unzählige Radwege und Moore mit Wanderwegen sowie in Friedrichstadt Bootsfahrten durch die Grachten wie in Holland.

Fast so typisch wie in Südbayern die barocken Kirchtürme stehen im Norden die reetgedeckten Häuser. Oft ducken sie sich auf dem Land unter die Bäume, die sie vor dem Wind und trotz der hohen Fenster vor allzu neugierigen Blicken nicht nur von Touristen schützen.
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