"Nur ein kleiner Sänger"

Der deutsche Vorentscheid für den Eurovision Song Contest geht mit einem Eklat zu Ende. Sieger Andreas Kümmert schlägt die Wahl aus. Moderatorin Barbara Schöneberger bestimmt die Zweitplatzierte zur Gewinnerin. Zu Recht?

Ein einzigartiger Eklat in der Geschichte des Eurovision Song Contest hat der Sängerin Ann Sophie den Weg zum Finale geebnet. Zum ESC-Kandidaten für Deutschland hatten die Fernsehzuschauer eigentlich den aus der Castingshow "The Voice" bekannten Rocksänger Andreas Kümmert gewählt. Doch er lehnte am späten Donnerstagabend live vor 3,2 Millionen ARD-Zuschauern ab: "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen."

21,3 Prozent für Ann Sophie

Moderatorin Barbara Schöneberger sprach von einem "Coitus interruptus der schlimmsten Sorte" und erklärte kurzerhand die zweitplatzierte Ann Sophie zur deutschen ESC-Hoffnung. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) verteidigte die Entscheidung als "das einzig Richtige" und trat Äußerungen entgegen, Ann Sophie sei eine Siegerin zweiter Klasse. Sie soll beim Finale im Mai in Wien für Deutschland singen - obwohl Kümmert einen haushohen Vorsprung im letzten Durchgang des Vorentscheids hatte: Laut NDR entschieden sich 78,7 Prozent der Anrufer für ihn - und nur 21,3 Prozent für Ann Sophie.

Der überraschende Rückzieher Kümmerts stieß viele Zuschauer vor den Kopf. In Internet-Foren gab es am Freitag enttäuschte und wütende Kommentare. Allerdings wurde dem unangepassten Rock- und Bluessänger aus Bayern auch Respekt für seine Entscheidung gezollt. "Das ist eine krasse Entscheidung", sagte der deutsche ESC-Vertreter von 2004, Max Mutzke. "Ich kann sie nachvollziehen, weil der Druck hinter den Kulissen enorm groß ist." Gleichzeitig sei es schwierig, weil eine Absage immer auch das Publikum enttäusche.

Ann Sophie zögerte zunächst, nahm das Ticket nach Wien dann aber an. Ihr war wie allen anderen auf der Bühne in Hannover die Verblüffung und Anspannung während Kümmerts Worten anzusehen. Die 24-jährige Newcomerin sagte später: "Wenn er das in dem Moment für sich entschieden hat und wenn sein Herz ihm das sagt, dann war das auch die richtige Entscheidung für ihn. Ich fand das sehr mutig."

"Wie beim Sport"

Der Rückzug eines vom Publikum gewählten Kandidaten ist in der fast 60-jährigen Geschichte des früheren Grand Prix einmalig. Kümmert sagte auf der Bühne, dass er "nur ein kleiner Sänger" sei. Ende 2013 hatte der Mann aus Unterfranken die Castingshow "The Voice of Germany" gewonnen. Auch damals soll ihm der Trubel um seine Person mehrfach zu viel geworden sein. "Wir haben da mit offenem Mund gestanden", sagte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der nie mit einem solchen Rückzug gerechnet habe. Es sei Kümmerts Idee gewesen, beim ESC dabei zu sein, betonte er. In einer NDR-Mitteilung erklärte Schreiber: "Es ist wie beim Sport: Wenn ein Olympiasieger seine Goldmedaille zurückgibt, gibt es einen neuen Träger der Medaille."

Weniger Zuschauer

Der deutsche ESC-Vorentscheid zog deutlich weniger Zuschauer angezogen als im Vorjahr. 3,20 Millionen Menschen schalteten ein. Im Vorjahr waren es noch 3,95 Millionen gewesen. Ann Sophie wird am 23. Mai in Wien ihren souligen Popsong "Black Smoke" vortragen. Die 24-Jährige war nach dem Sieg bei einem "Clubkonzert" als Quereinsteigerin zum Vorentscheid dazugestoßen, dessen übrige Kandidaten von der Musikbranche und ARD-Experten aufgestellt waren. Internationale Erfahrung bringt die Hamburgerin mit. Sie wurde in London geboren und ging mit 20 nach New York, um Schauspiel zu studieren. (Angemerkt)
Weitere Beiträge zu den Themen: Weltgeschehen (20753)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.