Oberster Bettler der Jesuiten

Der ehemalige Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, Pater Eberhard von Gemmingen. Bild: dpa

Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen war über Jahrzehnte das deutsche Gesicht des Vatikan. Seit fünf Jahren lebt er in München. Dennoch blicken auch heute viele auf ihn, wenn es gilt die Entwicklung der katholischen Kirche zu erklären.

Auch nach Ende seiner Tätigkeit für den päpstlichen Sender Radio Vatikan hat sich Pater Eberhard von Gemmingen nicht in den Ruhestand zurückgezogen. Der Jesuit leitete das Fundraising seines Ordens in Deutschland. Nun gibt der 79-Jährige dieses Amt ab. Im Interview spricht einer der bekanntesten deutschen Ordensmänner über seine Erfolge als "Bettler", wie er Papst Franziskus wahrnimmt und was er sich von der Familiensynode erwartet.

Pater von Gemmingen, wie viel Geld konnten Sie in den vergangenen fünf Jahren bei Freunden und Gönnern Ihres Ordens sammeln?

Gemmingen: Der Provinzökonom hat meinen Mitarbeiterinnen und mir den Auftrag gegeben, jedes Jahr eine Million Euro aufzutreiben: für unsere zwei Hochschulen, den Flüchtlingsdienst, die Zeitschrift "Stimmen der Zeit" und das Institut für Gesellschaftspolitik hier in München. Das Ziel haben wir inzwischen erreicht. Gelingen konnte das aber nur, weil uns der liebe Gott einen Großspender geschickt hat, der uns zuletzt 300 000 Euro gegeben hat.

Sie werden bald 80. Gehen Sie in den Ruhestand?

Gemmingen: Nein. Ich soll meinem Nachfolger Pater Benedikt Lautenbacher zur Seite stehen und vor allem meine Kontakte weiterhin pflegen. Um Spenden betteln setzt ein Vertrauensverhältnis voraus, das kann man nicht einfach übergeben.

Viele Deutsche schätzen Ihre Vatikanexpertise, die Sie sich als langjähriger Journalist des päpstlichen Senders Radio Vatikan und als Kommentator kirchlicher Großereignisse erworben haben. Was ist von Papst Franziskus zu erwarten? Revolutioniert er die Kirche?

Gemmingen: Na ja. Er versucht die Kirche auf den Weg zu bringen, den er für den Weg Jesu hält. Das finde ich gut und richtig. Schon die Apostel haben sich mit Jesus schwergetan, haben ihn missverstanden und verraten. Dasselbe hat die katholische Kirche im Laufe ihrer Geschichte getan, so dass sie auch heute nicht immer ganz genau sagen kann: Wir wissen, wie Jesus es heute machen würde. In den letzten 100 Jahren hatten wir viele bedeutende Päpste. Und jeder drückte dem Gang der Kirche seinen Stempel auf. Der Stempel von Franziskus ist die besondere Zuwendung zum barmherzigen Jesus, der nicht zuerst eine Lehre vertritt, sondern dem Menschen Gott nahebringen will.

Gelingt ihm das?

Gemmingen: Die größte Herausforderung ist meiner Ansicht nach nicht die Armut, sondern das Vergessen und Verlieren Gottes, vor allem in Mitteleuropa. Viele bei uns leben in guten wirtschaftlichen Verhältnissen, haben aber von Gott wenig Ahnung. Leider auch deshalb, weil es uns Kirchenleuten nur sehr schlecht gelingt, Jesus gut zu verkündigen.

Was wird die Familiensynode bringen? Beobachter sprechen schon von einem Schlüsselereignis, das über Erfolg oder Misserfolg der Amtszeit dieses Papstes entscheiden wird.

Gemmingen: Also das Schlüsselereignis für das Pontifikat von Franziskus wird die Synode nicht sein. Interessanterweise hat der Papst schon davor wichtige Entscheidungen zum Thema getroffen, etwa dass Verfahren zur Annullierung von Ehen jetzt auf Diözesanebene stattfinden sollen. Ich bin sicher: Geschiedenen wiederverheirateten Katholiken kann der Kommunionempfang nicht ganz allgemein erlaubt werden. Genauso wenig wird der Papst die Ehe auf Lebenszeit relativieren. Ich hoffe nur, dass niemand deswegen aus der katholischen Kirche austritt, nur weil nicht das erreicht wurde, was er sich gewünscht hat.

Angenommen, ein großherziger Mensch drückt Ihnen einen Scheck über fünf Millionen Euro in die Hand - was machen Sie damit?

Gemmingen: Ich würde das Geld so anlegen, dass unsere Hochschulen möglichst lange etwas davon haben. Dort werden Leute ausgebildet, die später als Juristen, Mediziner, Wirtschaftsleute über ihren Tellerrand hinausschauen und christliche Werte in unsere Gesellschaft hinein vermitteln. Wenn die Kultusminister feststellen würden, dass die Kinder in der Schule nicht mehr Goethe und Luther kennenlernen, wären sie entsetzt. Viel schlimmer aber ist, dass sie von Jesus Christus keine Ahnung kriegen - von der wichtigsten Persönlichkeit der europäischen Geschichte.

Obwohl Jesus ein Orientale war ...

Gemmingen: Ja, der wichtigste Europäer kam aus Asien. Unsere zentralen Werte: Frauenrechte, Kinderrechte, Menschenrechte überhaupt, die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, kommen alle aus dem Evangelium. Und wenn wir Jesus Christus vergessen, dann fürchte ich, dass es mit uns bergab geht.
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