Papst pocht in Ankara auf Religionsfreiheit

Papst Franziskus und Recep Tayyip Erdogan beim Abschreiten der Ehrengarde vor dem Präsidentenpalast. Bild: dpa

In Ankara treffen zwei mächtige Männer aufeinander: Der türkische Präsident Erdogan und der Papst. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Nach heftigen Attacken gegen den Westen gibt sich Erdogan friedfertig.

Unbeeindruckt von der Brandrede des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen den Westen hat Papst Franziskus in Ankara zu Meinungs- und Glaubensfreiheit aufgerufen. "Die Religions- und Meinungsfreiheit, die allen effektiv garantiert ist, regt das Aufblühen der Freundschaft an und ist ein Zeichen des Friedens", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche bei seinem Zusammentreffen mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Freitag.

Wenige Stunden vor Beginn des Papst-Besuches hatte Erdogan mit scharfen verbalen Attacken gegen den Westen Irritationen ausgelöst. Die Fremden hätten es nur auf die Reichtümer der Muslime abgesehen, sagte Erdogan in Istanbul. "Die, die von außen kommen, mögen Öl, Gold, Diamanten, billige Arbeitskräfte sowie Gewalt und Streit", sagte der Präsident. "Sie scheinen vordergründig unsere Freunde zu sein, aber freuen sich über unseren Tod und über den Tod unserer Kinder."

Als erstes ausländisches Staatsoberhaupt wurde der für seine Bescheidenheit bekannte Franziskus in dem "Ak Saray" ("Weißer Palast") genannten Anwesen Erdogans in Ankara empfangen. Der riesige Komplex soll rund 1000 Zimmer, Bunker und Schutzräume umfassen und 500 Millionen Dollar (400 Millionen Euro) gekostet haben. Der Papst bezeichnete die Religionsfreiheit als "grundlegend". Es sei wichtig, "dass die muslimischen, jüdischen und christlichen Bürger - sowohl in den gesetzlichen Bestimmungen, wie auch in ihrer tatsächlichen Durchführung - die gleichen Rechte genießen und die gleichen Pflichten übernehmen", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Neben der großen islamischen Mehrheit leben nur knapp 100 000 Christen in der Türkei. Christen und andere Minderheiten können ihre Religion zwar grundsätzlich ausüben, sie leiden aber unter Einschränkungen. So darf die orthodoxe Kirche dort keine Priester ausbilden.

Der Papst dankte der Türkei für die Aufnahme von Hunderttausenden Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak. Gleichzeitig betonte der Papst, die internationale Gemeinschaft habe die moralische Verpflichtung, die Türkei bei der Aufnahme der Flüchtlinge zu unterstützen.

Am Samstag reist der Pontifex weiter nach Istanbul, wo 7000 Polizisten zu seiner Sicherheit im Einsatz sein sollen. Anlass des Besuchs des katholischen Kirchenoberhaupts ist die Feier des orthodoxen Andreasfests mit Patriarch Bartholomäus am Sonntag. (Kommentar)
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