Pilgergang in die Katastrophe

Vielfältige Sicherheitsmaßnahmen wurden nach dem Desaster 2006 ergriffen, das mehr als 350 Menschenleben forderte. Dennoch entstand unter den weiß gekleideten Pilgern erneut eine Massenpanik. Bild: dpa

Die Wallfahrt ist für gläubige Muslime einer der Höhepunkte ihres Lebens. Doch in diesem Jahr kommt es dabei erneut zu einer Katastrophe. Hunderte Menschen sterben. Dabei hatten die Saudis Milliarden in ein neues Sicherheitskonzept investiert.

Mekka. Am dritten Tag der großen Wallfahrt nach Mekka soll eigentlich das Böse besiegt werden. In dem Ort Mina östlich der heiligen Stadt strömen Hunderttausende Muslime auf eine riesige Fußgängerbrücke und werfen Steinchen auf ovale Säulen, die den Teufel symbolisieren sollen. Die Menschen rufen „Allahu akbar“, „Gott ist groß“. Mina ist für viele Gläubige eine emotionale Etappe der fünftägigen Pilgerfahrt. Und auch die Gefährlichste. Denn Mina ist der Ort, an dem es immer wieder zu schweren Unglücken mit Toten kommt. So auch in diesem Jahr.

Behörden mauern

Was sich genau am Donnerstag ereignet, ist unklar. Die saudischen Behörden geben kaum Informationen preis. Korrespondenten berichten jedoch, dass zwei entgegengesetzte Pilgerströme an einer Kreuzung aufeinandergetroffen seien und Menschen zu Boden stürzten. In dem Gedränge bricht eine Massenpanik aus. Mehr als 710 Menschen sterben, mehr als 800 werden verletzt.

„Der Strom der Pilger stoppte plötzlich aus ungeklärtem Grund“, zitiert eine saudische Internetseite ein Opfer. „Es dauerte nur wenige Minuten, bis von hinten die nächste Gruppe kam.“ Ein Amateurvideo zeigt in weiße Pilgergewänder gehüllt Leichen, die auf der Erde liegen.
Für die Behörden ist die Wallfahrt nach Mekka wegen der riesigen Anzahl der Pilger jedes Jahr eine enorme logistische Herausforderung. Auch 2015 ist der Andrang gewaltig: Mehr als zwei Millionen Menschen haben sich auf den Weg nach Mekka gemacht. Allein 1,4 Millionen sind aus dem Ausland in die Stadt gereist, die für Muslime heilig ist.

Neues Sicherheitskonzept

Um Unglücke zu verhindern, steckte die saudische Regierung rund zehn Milliarden US-Dollar in Umbaumaßnahmen und ein neues Sicherheitskonzept. So wollten sie die Gefahr von Massenpaniken bannen. Mit den Investitionen zogen sie die Konsequenzen aus der Katastrophe 2006, als mehr als 350 Pilger bei einer Massenpanik nahe der Unglücksstelle vom Donnerstag starben.

Bis dahin konnten die Gläubigen auch an den Nadelöhren kreuz und quer laufen. Immer wieder wurden Engstellen entlang der Routen verstopft – die Gefahr für eine Massenpanik stieg. Das neue Konzept – auch mit Hilfe von deutschen Spezialisten entworfen – sieht vor, dass der Strom der Massen kanalisiert wird. Einbahnstraßen sorgen dafür, dass sich die Mengen in jeweils nur eine Richtung bewegen. Im Notfall können die Pilger auf Freiflächen ausweichen. Zumindest in der Theorie.

Auch der Ort der Steinigung des Teufels wurde radikal umgebaut. Die Fußgängerbrücke, die als besonders kritische Stelle galt, wurde abgerissen und neu errichtet: Auf fünf Etagen können die Gläubigen nun den Teufel steinigen, eine halbe Million Menschen pro Stunde über die mehrstöckige Brücke laufen. Und: Tausende Besuchergruppen werden zu einer genau festgelegten Zeit durch einzelne Abschnitte geschleust, der Pilgerfahrt zum Geburtsort des Propheten Mohammed. Doch all diese Maßnahmen konnten das Unglück vom Donnerstag nicht verhindern.
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