Politik und Mutter Natur

Ein Temperaturanstieg um bis zu 4,5 Grad. Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) malte im Landtag ein düsteres Klimaszenario an die Wand. Ein Wetterexperte sieht allerdings keineswegs so schwarz.

(nt/az) In Bayern erwärmt sich die Luft deutlich schneller als durchschnittlich, sagte Scharf am Mittwoch bei einer Regierungserklärung. NT/AZ-Wetterexperte Andy Neumaier mahnt zur Besonnenheit.

Herr Neumaier, ist die Lage wirklich so ernst, oder hat Frau Scharf dick aufgetragen?

Ohne sich politisch in die Klimadebatte einmischen zu wollen: Ja, da scheinen nicht zuletzt auch Wahlkampfzeiten anzubrechen. Ehrlich gesagt erklärt sich sonst nämlich nicht, warum gerade Bayern der Hotspot der weltweiten Klimaerwärmung werden sollte. Die allgemeinen Debatten arbeiten nun also mit Superlativen und Horrorszenarien, und doch werden wir alle, auch im überkochenden Hexenkessel der Klimawelt Bayern, überleben.

Aber es gibt doch deutliche Anzeichen eines Klimawandels ...

Es ist klar, dass wir in Zeiten eines Wandels leben. Gerade die Landwirtschaft bekommt es in den vergangenen Jahren immer öfter mit Wassermangel vor allem im so wichtigen Frühjahr zu tun. Im Winter fehlt oft der Schnee, oder er kommt kurz in solchen Massen, dass beim nächsten Tauwetter "wieder einmal" ein Jahrhunderthochwasser droht.

Und all das haben wir Menschen angerichtet, unter anderem mit stetig steigendem CO2-Ausstoß?

Es ist nicht gesagt, dass der Klimawandel alleine der Menschheit und der Industrialisierung geschuldet ist, denn Warmzeiten und Eiszeiten haben sich schon öfter abgewechselt. Es gibt also auch Mechanismen, die unsere es gut mit uns meinende Erdkugel immer wieder durch diese Klima-Achterbahn gejagt haben. Aber: Seit der Industrialisierung läuft die Erwärmung beschleunigt. Dennoch gab es auch seitdem wieder Phasen, in denen der Anstieg ganz unerwartet stagnierte. 2015 allerdings zieht die Kurve kräftig nach oben. Hier half das alle sechs bis acht Jahre auftretende Phänomen El Niño, düstere Szenarien zu zeichnen.

Nun sind sich selbst Forscher nicht einig, wie stark der Klimawandel ausfallen wird. Warum zeichnet die Politik dann diese düstere Bild?

Die aktuellen Klima- modelle weisen große Unterschiede auf. Fakt ist: Alle rechnen mit einem Anstieg. Dieser variiert aber zwischen plus 0,6, was schon fast rein natürlich erklärbar wäre, bis 6 Grad, wenn es bei anhaltenden Schadstoffemissionen wie in den 1990er Jahren bliebe. Um sich in Umweltfragen eine sichere Position zu schaffen, nimmt die Politik wohl gerne auch das maximale Horroszenario, damit man in den Lobbyverhandlungen am Ende die Hälfte erreicht. Das ist womöglich sogar richtig, sorgt aber natürlich für Verunsicherung.

Man muss also keine Angst haben?

Das Credo muss lauten: Mutter Natur will uns nicht vernichten, sie ist kein "böses Weib". Wir werden uns auf einige neue Gegebenheiten einstellen müssen, liegen aber gerade in Mitteleuropa und Bayern in geographisch äußerst vorteilhafter Position. Andere Teile der Erde haben wesentlich mehr zu leiden.

In Paris läuft derzeit der Weltklimagipfel. Was würden sie Politikern, die über Klimaschutz verhandeln, gerne sagen?

Umweltverschmutzung kann nie richtig sein, und ihr muss entgegengewirkt werden. Von daher sind die Forderungen der Politik richtig, auch wenn der Klimawandel natürlich ein allzu gerne genutztes politisches Werkzeug ist und so auch oft einen Hype kurz vor Wahlkampfzeiten erlebt. Man stelle sich vor, die bayerischen Grünen hätten plötzlich keine Themen mehr, weil die CSU plötzlich schneller war ...
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