Postkarten zeigen einen Blick in die Welt des Ersten Weltkrieges
"Die große Zeit ist nun vorüber"

Melancholisch wirken die Soldaten auf dem Bild. Einige von ihnen sind Hahnbacher: hinten rechts Johann Kotz (Hausname: Mesner), vorne links Georg Gerlach (Geier).
Hahnbach. (mma) Sie zeigen Landser-Idylle, thematisieren Todesahnungen oder demonstrieren Siegeszuversicht. Die Postkarten, die Martin Heldmann im Ersten Weltkrieg bekommen hat, eröffnen ein unmittelbaren Blick in eine Welt, die 1918 untergegangen ist.

"Alte Bilder, Feldpostkarten, nie vernichten!" steht auf einem Ordner, den der fast 90-jährige Martin Heldmann aus seiner Aktenmappe herausholt. Und tatsächlich: Meist in schönster Sütterlinschrift enthält er teilweise über 100 Jahre alte Karten, die mehr als 30 verschiedene Leute im Ersten Weltkrieg an seinen Vater schrieben.

Martin Heldmann hat sogar ein Register angelegt und die Absender notiert. Meist handelt es sich um junge Damen, die ausgewählt hübsche Karten "an den Infanteristen Martin Heldmann, 10. Infanteriedivision, 6. Bayerisches Infanterieregiment, 5. Kompanie" geschrieben haben. Ihre Namen werden ihren Familien und manchen Hahnbachern sicher noch in Erinnerung sein: Fanny Epp, Dora Ruppert, Fanny Erras, Berta Kederer, Margarethe und Rosina Kummert, Maria, Babette und Theres Heldmann, Anna Reichl, Berta Kederer, Theres Huber, Rosina Kummert, Katharina Trösch, Berta Lorenz oder Maria Reichl.

Der Retter auf dem Eis

Aber auch viele Handschriften von Männern sind dabei, wie diejenige von Johann Kummert, den Vater des Hahnbacher Altbürgermeisters Hans Kummert. Auch ein Otto Ertl, Johann Kotz, Peter Ruppert oder Hans Iberer hatten damals Grüße und Informationen aus der Heimat geschrieben. So erfährt man etwa von drei jungen Burschen, die im Winter 1914 auf dem Hobelweiher ins Eis einbrachen und beinahe ertrunken und erfroren wären, hätte Johann Kummert sie nicht gerettet.

Sie zeigen Landser-Idylle, thematisieren Todesahnungen oder demonstrieren Siegeszuversicht. Die Postkarten, die Martin Heldmann im Ersten Weltkrieg bekommen hat, eröffnen ein unmittelbaren Blick in eine Welt, die 1918 untergegangen ist. (Bilder: privat)

Meist haben die Karten schöne junge Damen als Motive, grüßen zum Namens- oder Geburtstag, zum neuen Jahr oder zu den großen Kirchenfesten. Einige davon allerdings tragen Texte wie "Niemals wurde Deutschland überwunden, wenn es einig war!" unter dem Reichsadler im Siegeskranz. Eine andere, die stolze Soldaten in Unform und mit Gewehren vor ihren Geschützen zeigt, trägt die Aufschrift: "Artillerielied: Kanonendonner ist unser Gruß. Wir schießen aus gezogenen Geschützen."

"O Vaterland, mein schönster Stern. Dir weih' ich Blut und Leben gern" kündet auf einer anderen Karte ein strammer Soldat mit aufgepflanztem Bajonett vor einem schemenhaften Dorf. "Gott schütze unser Vaterland und helf' uns zum Sieg" wünscht träumerisch eine hübsche Leserin unter einer Wolke, die einen im Liegen wachenden Soldaten mit Tornister zeigt.

Aus Stolzenfels am Rhein stammt eine Abschiedskarte mit dem Text: "Ein Grenadier auf dem Dorfplatz stand, ein Mädchen ihm zur Seit. Er legt die Waffen aus der Hand, spricht Trost ihr zu im Leid. Sie sinkt ihm weinend an die Brust, beugt traurig das Gesicht, der Trennungsschmerz wird ihm bewußt, als er jetzt zu ihr spricht: O Mädchen, bleibe mein, dies Herz es ist nur Dein."

"Aus großer Zeit" ist ein sich küssendes Paar überschrieben. Dazu die Soldatenworte: "So nun gib mir schnell ein Küßchen, liebes, kleines Mädchen du. Die große Zeit ist nun vorüber, nun hat auch Reserve Ruh." Aber es finden sich auch Karten, über die man erschrickt. Etwa eine mit nachdenklichen Infanteristen und als Text: "Morgenrot. Morgenrot, Morgenrot! Leuchtest mir zum frühen Tod. Bald wird die Trompete blasen. Dann muß ich mein Leben lassen, ich und mancher Kamerad!"

Soldaten im Feindesland

Eine der Karten zeigt vier Soldaten, alle in entspannter sitzender Position, mit einem Kind spielend. Ihre zusammengestellten Gewehre befinden sich zwischen ihnen und einer Hausfrau und Mutter mit einem weiteren Kind. Diese reicht ganz entspannt einem Soldaten eine gefüllte Tasse. Diese Karte trägt die Aufschrift: "Deutsche Barbaren - Wie sich die deutschen Soldaten in Feindesland benehmen."

Auch politische Motive gibt es, wie das zum 25. Regierungsjubiläum von Kaiser Wilhelm II. "Lorbeerreiser in Dankbarkeit seien dem Kaiser vom Volke geweiht" steht unter einem Porträt des Regenten. "Heil Hindenburg!" steht auf einer Feldpostkarte an den "Fouragehändler Xaver Heldmann in Hahnbach" vom 15. Juli 1915. Unter dem Porträt Hindenburgs mit Eichenlaub, Lorbeer und Deutschlandfahne die Worte: "Steht der Soldat auf seinem Posten, sei es im Westen oder Osten, blüht seinem Vaterland das Glück, das siegreich es trotz aller Tück; durchzieht's ihn auf der fernen Wacht: Das hat der Hindenburg gemacht!"

Vom Einsatz in Frankreich, gefallenen Kameraden, erhaltenen Paketen und schlechtem Wetter berichten Karten von "Varnéville nach der Schlacht" oder von einem düsteren Kircheninnern in Frankreich. Wie einen Schatz hütet Martin Heldmann die Fotografien, die seinen Vater im Kreis seiner Kameraden zeigen, in einem ausgehobenen und mit Weidengeflecht befestigten tiefen Schützengraben, nach einer schweren Armverletzung im Fürther Krankenhaus oder vor einer "Epicerie", einem Lebensmittelgeschäft in Frankreich.

Selbst aus der Gefangenschaft gibt es eine Gruppenaufnahme, bei der Martin Heldmann und seine Kameraden einen Anzug mit PG-Aufdruck (Prisonnier de Guerre = Kriegsgefangener) tragen, eine Karte, die über Paris nach Deutschland kam. Martin Heldmann musste als Kriegsgefangener von 1916 bis 1920 bei französischen Bauern Feldarbeit leisten. Doch welche Freude, als man ihn in Sulzbach-Rosenberg mit einem Pferdegespann abholen durfte.

Rückkehr in die Armut

Drei Jahre später heiratete Heldmann Maria Horst und "das Leben sollte weitergehen". Sein Sohn Martin erinnert sich noch an die damals große Armut, auch auf dem Land. Zwar gab es in Hahnbach über 100 landwirtschaftliche Betriebe, doch waren darunter auch viele "Kleinhäusler" mit nicht selten nur einer Kuh und oft bis zu zehn Kindern. Um sie alle durchzubringen, waren die Eltern gezwungen, die Kinder für Essen und etwas Taschengeld bei größeren Bauern arbeiten zu lassen.

Für Martin Heldmann, der am Zweiten Weltkrieg "wegen dieses größten Verbrechers aller Zeiten, dem Hitler" teilgenommen hat, scheinen diese alten Zeiten noch recht präsent zu sein. Man empfindet mit ihm und versteht nur allzu gut einen seiner innigsten Herzenswünsche: "Bitte schultert keine Gewehre mehr beim Gefallenengedenken am Volkstrauertag in Hahnbach!" Er fügt leise hinzu: "In fast allen anderen Gemeinden gedenkt man ja auch ohne Waffen. Es gibt doch eh immer noch zu viel Krieg und Morden mit Gewehren auf dieser Welt!"
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