Prima Klimawandel

Wo die Sonne verstaubt: Kohlekraft im Osten Deutschlands. Albert Deß bezweifelt dennoch den Einfluss des Menschen auf das Klima. Bilder: Herda/dpa

Manche mögen's heiß. Albert Deß reichen die aktuellen Hitzerekorde längst nicht als Beleg für einen vom Menschen gemachten Klimawandel. Den Berngauer Europa-Politiker (CSU) ärgert der vermeintliche "Alarmismus" der Klimaforscher, Medien und sogar Regierungen.

"Bis in spätestens zehn Jahren bricht die Klimaerwärmungstheorie genauso zusammen wie die Eiszeittheorie der 1970er Jahre", prophezeit der gelernte Landwirt auf seiner Facebook-Seite (Link zur Seite). "Prof. Schellnhuber (Anm. der Red.: Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Link zu Seite) darf sich warm anziehen mit seinen Theorien."

Was ist da los mit unserem Abgeordneten in Brüssel - warum zieht der Oberpfälzer rund 97 Prozent der Forscher in Frage, die vom menschenverursachten Klimawandel überzeugt sind - wie eine Auswertung der renommierten Fachzeitschrift PNAS der Positionen von 1372 Klimaforschern ergab?

Geschichte der Irrtümer

"Ein Akademiker, der nicht dem Mainstream folgt, hat doch gar keine Chance, einen Forschungsauftrag zu bekommen", zieht Deß den gesamten Wissenschaftszirkus in Zweifel. Denn: "Die Geschichte der Forschung ist auch eine Geschichte der Irrtümer - von der besagten Eiszeit-Theorie, über die Waldsterben-Debatte bis zur Prognose des Club of Rome (Link zur Seite Club of Rome), der 1972 vorhersagte, dass es in 30 Jahren kein Öl mehr gibt." Es ist die Skepsis eines Mannes, den das Thema seit den Lehrjahren auf dem Bauernhof verfolgt: "Vieles passt einfach nicht zu dem, was ich beobachte, erlebt und gelesen habe." Etwa zu Aufzeichnungen aus bayerischen Klöstern, entnommen aus einem Vortrag von Professor Reichhold bei der Hanns-Seidel-Stiftung: "1171 war ein so milder Winter, dass Bäume im Januar austrieben und Vögel im Februar Junge hatten." Und auch 1241 seien bereits im März Kirschen auf den Märkten feilgeboten worden.

Dürrejahr 1542

"Das Magdalenenhochwasser am 21. Juli 1342 war das schlimmste Hochwasser aller Zeiten", nennt Deß ein Beispiel für Naturkatastrophen vor dem industriellen Zeitalter. "Ganz Europa stand damals unter Wasser." Und nicht 2003 sei das trockenste Jahr in Deutschland gewesen, sondern 1540: "Es gab fast keinen Regen und eine verheerende Hungersnot."

Aber was sagen solche vereinzelten, regionalen Beobachtungen über den Klimawandel aus? Der Abgeordnete glaubt an Täuschung: "So hat NASA-GISS (Anm. der Red.: Goddard Institute for Space Studies) die Klimadaten der Wetterstationen Punto Arenas, Jerusalem und Prescott von 2010 auf 2012 rückwirkend verändert", sagt Deß und höhnt: "Ein Wunder ist geschehen. Drei Stationen, die kälter anzeigten, wurden in wärmer umgewandelt. Volksverdummung pur durch bestimmte Wissenschaftler." Doch welche finsteren Mächte sollten ein Interesse an einer Weltverschwörung haben? Das Häufchen notleidender Solar- und Windunternehmer wohl kaum.

Profitieren Versicherer?

"Versicherungsgesellschaften sind große Nutznießer", gibt Deß zu bedenken. "Wir bekamen von einem Münchener Versicherer eine dramatische Darstellung, nach der sich die klimabedingten Schäden in Florida binnen 100 Jahren verzweihundertfacht hätten - nur dass im letzten Jahrhundert keine Schäden auftreten konnten, weil es da fast nichts gab."

Auf der anderen Seite machen sich Lobbyisten für das Kleinreden des Klimawandels stark: Unbestritten ist ein Treffen in der Zentrale des American Petroleum Institute 1998, bei dem unter Leitung von Fred Singer und mit Unterstützung des Ölkonzerns Exxon Strategien erarbeitet wurden, um gezielt die Öffentlichkeit zu täuschen. Zwischen 2003 und 2010 trug der Donors Trust rund 78 Millionen US-Dollar für Kampagnen zusammen, deren Aussage lautet: "Alles nicht so schlimm." Eine Position, auf welche die US-Öl- und Kohleindustrie die Tea-Party der Republikaner eingeschworen hat.

"Ich bestreite den Klimawandel gar nicht", fühlt sich der Skeptiker missverstanden. "Ich sage vielmehr, den hat es immer gegeben." Politische Interessen in der Debatte um den Methan-Ausstoß der Nutztiere, weist Deß zurück. "Ich habe mit dem Bauernverband keinen Kontakt in dieser Frage." Aber den linearen Einfluss des CO2 auf das Klima bezweifelt er: "Vor kurzem habe ich wieder gelesen, CO2 ist ein ausgezeichneter Dünger, der zum Wachstum des Urwaldes beiträgt - und damit Kohlendioxyd bindet." Andererseits stelle die Abholzung der Tropenwälder sehr wohl ein großes Problem dar.

Zum Schluss bringt der Politiker sein Anliegen auf den Punkt: "Mich entsetzt, dass wir Milliarden Euro für eine Theorie ausgeben - zuletzt beschlossen beim G7-Gipfel in Elmau -, während gleichzeitig 800 Millionen Menschen hungern." Menschen, die man heute ohne große Anstrengung ernähren könnte. "Es ist ein Skandal ersten Ranges, dass man beschließt, die Zahl der Hungernden bis 2030 von 800 auf 300 Millionen zu verringern: "Das ist nur noch zynisch."

Hungerhilfe ist dringender

Deß möchte keinesfalls den Fehler der traditionellen Entwicklungshilfe wiederholen, und bäuerliche Strukturen in notleidenden Ländern durch billige Lebensmittellieferungen zerstören. "Wir haben mit unserem Projekt im brasilianischen Mato Grosso gezeigt, dass man mit wenig Mitteln Hilfe zur Selbsthilfe leisten kann." 400 Leihkühe garantieren dort Kleinbauern die tägliche Milch: "Das erste Kalb dürfen sie behalten, das zweite geht an die Farm." Auch eine Volkshochschule mit Spenden aus Bayern habe man dort aufgebaut. "Man könnte so viel erreichen, wenn wir nur einen Teil der Milliarden dafür ausgäben", zweifelt Deß, dass Europa die existenziellen Probleme der Dritten Welt kapiert.

Dabei versteht sich der bodenständige Bayer selbst als Pionier der erneuerbaren Energien: "Ich habe mit dem Kollegen Hermann Fellner vor 30 Jahren einen Verein zur Förderung nachwachsender Rohstoffe und Energie gegründet", erinnert er an seine grüne Vergangenheit. "Damals wurden wir als Spinner bezeichnet." Dabei sei er absolut dafür, dass man mit Ressourcen sparsam umgeht: "Das ist volkswirtschaftlich sinnvoll." Das hat der kleine Albert bereits als Bub von der Oma gelernt: "Essen schmeißt man nicht weg."
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