Privatsphäre ist Einstellungssache

Urlaub, Party, Familienfeiern: Die Kamera ist immer dabei. Nutzer digitaler Plattformen teilen Bilder und Nachrichten. Jahre später kommen diese Fotos und Meldungen manchmal wie ein digitaler Bumerang zurück und zerstören die Hoffnung auf den neuen Job oder eine Beziehung. Obwohl diese nur für Freunde sichtbar sind - vermeintlich.

Samstagabend, Partyzeit: Moni feiert mit Freundinnen den Schulabschluss. Einige Stunden und viele Cocktails später stecken die jungen Frauen die Köpfe zusammen, zücken die Smartphones und machen Bilder von sich und den anderen. Hochgeladen auf Facebook bekommen sie viele "Gefällt mir" für die Fotos von der Party. Wie schon so oft vorher. Monate später ist die Feierlaune verschwunden. Auf Monis Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz hagelt es Absagen. Personalchefs haben die Bilder gesehen und wollen kein "Party-Mäuschen" unter den Mitarbeitern haben.

Steigt die Zahl der Beiträge und Vernetzungen auf Plattformen wie Facebook, Twitter oder Google+, wird es zunehmend schwerer, den Überblick über Bilder, Beiträge und deren Privatsphäreneinstellungen zu behalten: Wer kann was sehen? Freunde, Familie oder alle? Die Plattformen bieten meist für jede preisgegebene Information die Möglichkeit festzulegen, welche Kontakte darauf Zugriff haben sollen, der bewusste Umgang damit bleibt aber häufig das ungeliebte Stiefkind für die Nutzer.

Falsche Selbsteinschätzung

"Die Erwartungen an den Datenschutz sind hoch, das Handeln der Nutzer deckt sich allerdings nicht damit", sagt Professor Dr. Günther Pernul. Der 53-jährige gebürtige Österreicher unterrichtet am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an der Universität Regensburg. "Wir haben in einer Studie festgestellt, dass rund 50 Prozent der Nutzer die Sichtbarkeit der eigenen Beiträge falsch einschätzen." Ein Grund dafür ist, so Pernul, die Tatsache, dass bei diesen Plattformen die Funktionalität für den Nutzer dominiert und der selbstverantwortete Schutz der Daten in den Hintergrund rückt. "Die Einstellungen dafür sind meist tief im System versteckt. Die Betreiber nutzen ja diese Daten und haben wohl kein gesteigertes Interesse daran, diese Werte zu verlieren."

Dramatische Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie waren "dramatisch" für die Macher: "Wir müssen etwas tun." Eine Arbeitsgruppe nahm sich des Themas an und veranstaltete ein Seminar, um sich der Herausforderung zu stellen. Die mehrjährige Forschungstätigkeit im Bereich Datenschutz und Privatsphäre, aus der auch zwei Dissertationen hervorgegangen sind, war das theoretische Fundament für die Entwicklung von "Friend Inspector".

Dieses sogenannte "Serious Game" zielt als Lernspiel darauf ab, das Bewusstsein für Privatsphäre beim Umgang mit digitalen Kommunikationsplattformen zu erhöhen. "Wir wollen Wissen transportieren und nicht als Oberlehrer auftreten", beschreibt Pernul den spielerischen Ansatz des Programms. Der "Friend Inspector" richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene. "Die Gruppe der 15- bis 25-Jährigen ist besonders von den Konsequenzen der Privatsphäreeinstellungen betroffen."

Den Köpfen hinter dem "Serious Game" war schnell klar, dass der eher spielerische Ansatz jungen Nutzern die Hemmschwelle nimmt, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. "Es gibt Punkte für das Wissen über eigene Inhalte und man kann die Ergebnisse teilen. Damit setzt auch ein Wettbewerb unter den Anwendern ein, besser zu sein als andere. Wir setzen damit auch auf den Ehrgeiz."

Das Spiel setzt laut Pernul damit "alles um, was wir selbst über den Datenschutz wissen. Wir selbst wissen nicht, welcher Nutzer spielt, wie oft er das macht oder wie das Ergebnis aussieht". Um eine höchstmögliche Transparenz über die Anwendung herzustellen, ist der Quellcode des Programms "Opensource". So können Entwickler überprüfen, ob eine Sicherheitslücke oder versteckte Hintertür eingebaut ist.

Offen für Programmierer

Auch eine Weiterentwicklung ist damit möglich. "Wir sind an unserer Leistungsgrenze angekommen, was man bei einer wissenschaftlichen Arbeit leisten kann." Das Team geht sogar noch einen ungewöhnlichen, aber konsequenten Schritt zum Thema "Teilen auf Facebook" weiter. Obwohl auf der Startseite zum Spiel ein "Gefällt-mir-Knopf" ist, muss dieser erst vom Nutzer mit einem Schalter aktiviert werden - bewusst im Sinne der Erfinder.

Mittlerweile hat der "Friend Inspector" den Wolfgang-Heilmann-Preis der Integrata-Stiftung erhalten. Die Stiftung setzt sich für humane Nutzung der Informationstechnologie ein und unterstützt Forschungsvorhaben, Bildungseinrichtungen und Realisierungsprojekte, die einen Beitrag dazu leisten. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/friendinspector
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