Prozessauftakt um totes Baby - Beweislage erdrückend
21-jährige Mutter: "Ich war's nicht"

Bild: Huber
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Deutschland und die Welt
20.11.2015
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Weiden. (ca) Seit Freitag muss sich die 21-jährige Metzgereifachverkäuferin aus dem Landkreis Neustadt/WN vor der Schwurgerichtskammer wegen Totschlags verantworten. Erneut ergeht der Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht kommt. Merkmal Grausamkeit. Leupold: „Da gibt's lebenslänglich, und sonst nichts.“

Der Vorsitzende Richter wird deshalb so deutlich, weil er die „schonungslose Wahrheit“ hören will. Denn die Beweislage ist erdrückend. Der Rechtsmediziner Prof. Stephan Seidl aus Erlangen, der das Baby obduziert hat, spricht von einer „massiven Tamponade“, welche die ganze Mundhöhle so dicht ausgefüllt habe, so dicht, dass man bei der Sektion Schwierigkeiten mit dem Entfernen hatte. Das Kind sei daran erstickt, kein Zweifel. Und das Kind habe davor „eine gewisse Zeit“ gelebt, das beweist Luft im Darm. „Das Papier ist reingequetscht worden.“ Nicht zufällig. „Das kann nur durch fremde Hand passieren.“

„Alle Umstände sprechen so nachhaltig dafür, dass nur Sie das gewesen sein können“, versucht Oberstaatsanwalt Rainer Lehner die 21-Jährige davon zu überzeugen, „über Ihren Schatten zu springen“. Der Nächste, der die Kundentoilette war die Reinigungskraft, die den Müllsack zum Container trug. Leupold hielt es für „wahrscheinlicher, von einer Sternschnuppe erschlagen zu werden“, als dass da noch ein Dritter kam, der das Kind tötete.

Zum Auftakt im Prozess gegen eine 21-jährige Verkäuferin wegen Totschlags herrschte am Freitagmorgen großes Gedränge vor dem Schwurgerichtssaal.Bilder: Stephan Huber

Ausführlich schildert die junge Frau ihre damalige Situation. Sie lebte als ledige Mutter von zwei kleinen Söhnen bei ihrem Vater in der Wohnung. Schon mit dem zweiten unehelichen Kind hatte sie ihn überrumpelt. Ihr Vater habe erst im Kreißsaal davon erfahren und noch dort gesagt: „Wennst mit einem Dritten daherkommst, kannst Dir gleich einen Strick nehmen.“

Genau dieser Fall trat ein. Im Februar habe sie bemerkt „wie der Bauch a bissl größer wurde“. Da war sie schon im sechsten Monat. Der Kindsvater reagierte wenig begeistert und drängte zur Abtreibung: „Das war Psychoterror.“ Der Babybauch ließ sich nicht mehr verbergen. Die Oma schleppte sie zum Frauenarzt, wartete allerdings im Wartezimmer. Die Schwangerschaft wurde offiziell festgestellt: 32. Woche. Der Großmutter erzählte die 21-Jährige etwas von einer wachsenden Zyste.

Hinter dem Rücken ihrer Verwandtschaft habe sie dann beim Jugendamt vorgesprochen und eine anonyme Adoption nach Kaiserschnitt am 28. April vereinbart. Die Tat ereignete sich drei Tage vor diesem Termin. Schon in der Nacht zum Samstag, 25. April, traten Wehen ein, welche die 21-Jährige nach Google-Recherchen für Senkwehen hielt. Den Kindsvater informierte sie um 8 Uhr per SMS, dass sie noch Einkaufen gehe und dann doch schon ins Krankenhaus fahre.

Videoaufzeichnungen zeigen den äußeren Rahmen für das, was dann geschah. Um 10.22 Uhr betritt die Familie – die Angeklagte und ihre Kinder, Vater und Oma – den Supermarkt. Die Angeklagte war dort beschäftigt, ebenso zwei weitere Verwandte. Um 10.23 Uhr geht sie mit dem Zweijährigen zur Kundentoilette. Um 11.08 Uhr holt sie sich einen zweiten Müllsack von der Kasse. Um 11.12 verlässt die Familie den Markt.

Was sich in den 40 Minuten im Waschraum abspielte, berichtet die Verkäuferin unter Tränen. Einmal muss die Verhandlung unterbrochen werden. Sie schildert eine Sturzgeburt auf der Toilette, während der sie ihren kleinen Sohn auf dem Schoß gehabt habe. Sie habe erst bemerkt, dass sie geboren hatte, als sie Nabelschnur und Blut sah, dass sie hektisch wegwischte, „damit es der Kleine nicht sieht.“ Mindestens zwei Mal klopfte der Vater an die Tür und fragte, wo sie bleibe.

Das Neugeborene, das sie aus dem Toilettenbecken holte, habe nicht geschrien, aber mit dem Fingerchen gezuckt. Sie habe das Baby in stabiler Seitenlage auf Einwegtüchern in einen Müllsack gebettet, „leicht offen für Luft“. Diesen Sack habe sie im Gitter neben dem Waschbecken deponiert und mit dem weiteren Müllsack von der Kasse getarnt.

Mit blutgetränkter Hose verließ sie die Kundentoilette, traf ihre Familie im Eingangsbereich wieder und man sei nach Hause gefahren. Die Rolle der Angehörigen bleibt nebulös. Zuhause kam es zu einem lautstarken Streit der Erwachsenen. Um was es ging? „Weiß nicht, ich habe auf Durchzug geschalten.“ Am Ende fuhr ein Bekannter sie ins Klinikum. Ohne Umweg über den Supermarkt: „Mich hat der Mut verlassen.“

Um 13 Uhr kam Besuch von einer Cousine, die berichtete, „dass im Markt die Toiletten schon gereinigt sind“. „Und da wusste ich wieder nicht, wo mein Kind jetzt liegt: im Lager oder im Container?“, sagt die 21-Jährige. Bei dem Neugeborenen handelte es sich um ein voll entwickeltes Mädchen, 51 Zentimeter groß, 2630 Gramm schwer. Zwei Tage später wurde der Leichnam im Müllcontainer des Supermarktes entdeckt.

Der Prozess wird am Donnerstag, 26. November, fortgesetzt. Gehört werden Verwandte, die theoretisch von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen können. Leupold dazu: „Aber es wäre nicht im Interesse der Angeklagten, wenn sie das täten.“
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