Redaktionsgespräch mit Vizepräsidenten der Bayerischen Ärztekammer
Bedarfsplanung am grünen Tisch

Dr. med. Wolfgang Rechl (links), Vizepräsident der Landesärztekammer, und Präsident Dr. med. Max Kaplan. Bild: Hartl

Ein brennendes gesundheitspolitisches Thema gerade in ländlichen Regionen: Wie viele Krankenhäuser können wir uns noch leisten? "Im regionalen Bereich haben wir einen sehr guten Weg gewählt", findet Dr. med. Wolfgang Rechl, Vizepräsident der Bayerischen Ärztekammer im Redaktionsgespräch.

Die Klinikums AG, in der die Stadt Weiden und die zwei Landkreise Neustadt und Tirschenreuth friedlich zusammenarbeiten, sei ein guter Kompromiss zwischen wirtschaftlichen Zwängen und den Bedürfnissen der Patienten: "Neustadt war einfach mit 5 Kilometern zu nah an Weiden, Vohenstrauß zu klein und auch nur 17 Kilometer weg", erklärt Rechl.

"Aber ich denke, mit der Verteilung der Geratrie nach Eschenbach, des Schulungszentrums nach Neustadt und der Anästhesie nach Vohenstrauß, hatte man eine geradezu geniale Idee. So hätten Arbeitsplätze erhalten und die Qualität gesteigert werden können.

Bayern gut versorgt

Allgemein sei man in Bayern mit 163 Krankenhäusern mit Grund- und Regelversorgung, 36 mit Schwerpunktversorgung, zehn mit Maximalversorgung und fünf Unikliniken sehr gut aufgestellt, findet Präsident Max Kaplan. "Die meisten Häuser sind in einem hervorragenden baulichen Zustand." Der Hausarzt aus Pfaffenhausen im Unterallgäu ist der Meinung, man sollte versuchen, möglichst viele zu erhalten. Zwei Lösungsansätze hält er für möglich:

Den Zusammenschluss: "Man hält die Akut- und Grundversorgung vor mit einer Schwerpunktverteilung etwa nach Fachgebieten."

Kleine Häuser integrieren die ambulante Versorgung: "Inneres und Chirurgie als Eigenleistung - daneben könnten sie Belegabteilungen anbieten oder gleich ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) oder Ärztehaus daraus machen.

Gar nicht im Sinn der Kammer ist freilich, dass immer mehr Patienten in die Notaufnahme der Krankenhäuser strömen, weil Facharztpraxen Termine erst Monate später anbieten. "Natürlich ist das Ausweichen auf die Notaufnahme keine Lösung", sagt Kaplan. "Die Kollegen im Krankenhaus arbeiten am Limit - es gibt 1000 offene Stellen, die nicht nachbesetzt werden können." Die Kammervertreter finden allerdings auch, "dass das Thema von der Politik etwas populistisch aufgebauscht wurde - sie will den Eindruck erwecken, dass sie gegen die Zweiklassenmedizin vorgeht".

Dass Medizin und Gesundheitswirtschaft auch ein Geschäftsmodell sein können, streiten die Ärztevertreter nicht ab. Wie kann sich der Patient da sicher sein, dass eine Wirbelsäulen- oder Knie-Op medizinisch wirklich erforderlich oder nur für das Krankenhaus wirtschaftlich ist? "Wir sind da selbstkritisch", bekennt Kaplan. "Es gibt definitiv zu viele Wirbelsäuleneingriffe und auch bei den Herzkathedern sind wir Weltspitze."

Wenn dem Chefarzt vierteljährlich die Zahlen unter die Nase gehalten würden, sei das nicht ganz einfach - nach dem Motto, "wir schreiben rote Zahlen, schau, dass sich das ändert, sonst können wir die Arbeitsplätze nicht erhalten". Kaplan kenne die Situation an den Kliniken Augsburg und Bayreuth selbst sehr gut. "Die haben eine dünne Personaldecke, schlechte Stimmung, alle sind überarbeitet, die Gefahr, dass Fehler gemacht werden, steigt." Die Kammer lege hier den Finger in die Wunde.

"Warum haben wir denn das Problem?", fragt Rechl rhetorisch. "Wir haben eine chronische Unterfinanzierung der Krankenhäuser. Es nutzt ja nichts, wenn die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml, die ich sehr schätze, neue Zuschüsse zusagt - die sollten dann auch mal kommen."

Landarzt im Stress

Eine andere drängende Frage außerhalb der Zentren: Was ist eigentlich so stressig am Landarztdasein? "Wir brauchen die Sicherstellung der Versorgung außerhalb der Sprechstunde, eine Versorgung im Team, Gemeinschaftspraxen, damit die Kollegen nicht mehr rund um die Uhr im Einsatz sind, sondern die Last auf mehrere Schultern verteilt werden kann", schlägt Kaplan vor.

Zudem müsse man endlich mit einer wissenschaftlich fundierten Bedarfsplanung beginnen: "Jemand legt am grünen Tisch die Relation fest, dass 1300 Patienten für einen Hausarzt zumutbar sind", ärgert sich Kaplan. "1993 unter Seehofer sagte man, ,so wie es heute ist, ist es richtig'." Was der Gesetzgeber dabei gar nicht berücksichtigt habe: "Wenn der Arzt in Hof praktiziert und 1600 chronisch kranke Senioren behandelt, muss er doch am Rad drehen."
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