Regensburger Studenten übersetzen Jules Verne - Pilotprojekt mit Symbolcharakter
Ein neuer Weg nach Frankreich

25 Regensburger Studenten machten sich daran, den Roman "Der Weg nach Frankreich" von Jules Verne erstmals ins Deutsche zu übersetzen. Bild: nt/az

Eine große 21 prangt auf dem digitalen Ziffernblatt an der Decke, ziemlich spät für eine Uni-Veranstaltung. Ob man zu einer solchen Zeit überhaupt noch etwas lernen kann? Es ist außerdem recht kalt. Musik schwappt aus Lautsprechern über das weite Oval der Sitzplatzreihen. In der Regensburger Eislauf-Arena zieht eine Gruppe von Studenten mit dicken Wollmützen und Winterhandschuhen ihre Kreise, wenn jemand stürzt, wird geflucht - auf Deutsch oder Französisch.

Es ist ein ungewöhnliches Szenario für ein literaturwissenschaftliches Hauptseminar einer Universität. Zumal das Ganze eher wenig mit dem eigentlichen Lehrinhalt zu tun hat. "Teambuilding" nennt Professor Dr. Ralf Junkerjürgen diese Veranstaltung. "Wir treffen uns zu Beginn des Semesters, um den Gruppenzusammenhalt zu stärken. Eislaufen ist dafür bestens geeignet."

Junkerjürgen ist Professor an der Universität Regensburg und leitet seit Oktober 2012 eine Gruppe von 25 Studenten, die sich an die Erstübersetzung des Romans "Le Chemin de France" (deutsch: "Der Weg nach Frankreich") von Jules Verne gemacht haben - das bis dahin letzte noch unberührte Werk des französischen Literaturriesen.

Der historische Roman erzählt von einem Urlaub in Deutschland im Jahre 1792, der vom Ausbruch des ersten Koalitionskrieges gegen Frankreich unterbrochen wird und die französischen Hauptfiguren dazu zwingt, auf einer spannenden Flucht quer durch die deutschen Länder in die Heimat zurückzukehren. Eine unmögliche Heirat, ein drohendes Duell zwischen erbitterten Rivalen, Kopfgeldjäger, unberechenbare Truppenbewegungen und ein drängendes Ausreiseultimatum machen den Weg zur französischen Grenze zu einem Rennen gegen die Zeit. Die wenig schmeichelhaften Aussagen über Deutsche und Preußen waren sicherlich ein Grund dafür, dass der Text seinerzeit nicht in die deutschsprachigen Verne-Reihen mit aufgenommen wurde, und machen ihn zum idealen Anlass, das 50. Jubiläum des Elysée-Vertrags - dem Vertrag, der einst die Versöhnung der beiden Länder besiegelte - zu feiern.

Einer für den anderen

Das Buch soll in den nächsten Wochen erscheinen und hat gleich doppelten Symbolcharakter, weil sich die Übersetzergruppe aus deutschen und französischen Studenten zusammensetzt. "Das macht die Sache viel leichter, da Muttersprachler einem bei Übersetzungsproblemen helfen und gleichzeitig ihr Deutsch verbessern", sagt der Dozent.

Von dem aktuellen Anlass einmal abgesehen, liegt das Besondere dieses Projekts aber ganz woanders: nämlich in der Erprobung kollektiver Seminarformen in den Philologien, die sich damit bisher schwer getan haben und weiterhin eher auf Frontalunterricht setzen. "Die Vorstellung vom Einzelkämpfer, der sich erst allein durch das Examen, dann durch die Promotion und sogar noch Habilitation schlägt, hat die philologischen Fächer tief geprägt", so Junkerjürgen, "und eher verhindert, dass sich kollektive Arbeitsformen etablieren konnten." Als erstes müsse der Dozent akzeptieren, dass er eine ganz andere Rolle zu spielen habe: "Die Entscheidungsfindung erfolgt bei uns horizontal. Ich bin letztlich nur für Planung, Abläufe und Qualitätskontrolle zuständig", erklärt Junkerjürgen stolz, "das macht unsere Veranstaltung auch gleich viel demokratischer".
Bei solchen Kollektivprojekten werden aus Studierenden und Dozenten Partner mit demselben Ziel. "Natürlich muss man klare Vorgaben machen, aber das Entscheidende ist, den Studierenden zu vertrauen. Dann nehmen sie die Verantwortung auch an und werden zu Leistungen motiviert, die ich in einem gewöhnlichen Hauptseminar nie erlebt habe." Neben den kollektiven sind es vor allem die praxisbezogenen Elemente, die den Kurs so wertvoll machen.

Für viele eröffnen sich erste Einblicke in mögliche Berufsfelder. Andere dagegen genießen einfach nur die angenehme Atmosphäre: "In unserem Kurs kennt jeder jeden, und man arbeitet nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Die Motivation ist größer als in anderen Hauptseminaren", erklärt einer der Kursteilnehmer, "denn anstelle einer Hausarbeit, die später im Ordner vergilbt, schreiben wir gemeinsam an einem Buch, das jeder Interessierte lesen kann."

Verlag kommt zuvor

Dass man bei einem solchen Projekt auch mit Rückschlägen rechnen muss, ist ebenfalls eine der zahlreichen Erkenntnisse, die die Studenten mitnehmen: Bereits zum Jahreswechsel kam dem Uni-Kurs ein Verlag mit der Erstübersetzung des Romans zuvor. Die Studenten geben sich unbeeindruckt: "Wir hatten 25 Übersetzer, die nur einen einzigen. Wer am Ende die bessere Arbeit gemacht hat, wird sich zeigen".
Weitere Beiträge zu den Themen: Koalition (5298)April 2013 (9563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.