Regierung bejubelt Erdkabel, Netzbetreiber weniger begeistert
Alles in Erde, oder was?

Erdkabel transportieren Strom unsichtbar, aber nicht ohne Auswirkung auf die Umwelt. Bild: dpa

"Der von der Bundesregierung geplante Erdkabelvorrang sowie die beabsichtigte Festlegung auf einen neuen südlichen Netzverknüpfungspunkt ,Isar' verändert die gesetzlichen Rahmenbedingungen", stellt Michael Reifenberg von der Pressestelle der Bundesnetzagentur fest. Es gibt Beschlüsse, die sorgen bei den Stromnetzbetreibern für schwarzen Humor.

"Mich würde interessieren, was der Kollege von Amprion zur Zusammenlegung von Ostbayernring und Trasse D meint", sagt Markus Lieberknecht, Tennet-Pressesprecher Region Süd, bitter lachend zur neuen Wendung im Ringen um die Trassen.

Die Gleichstrompassage Süd-OstoderKorridor D ist eine von den Netzbetreibern 50Hertz, Transmission und Amprion geplante Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Leitung (HGÜ).
Der Ostbayernring ist die rund 185 Kilometer lange, bereits bestehende Stromtrasse von Redwitz in Oberfranken über Etzenricht bis Schwandorf in der Oberpfalz, die wegen der Einspeisung regenerativer Energien an ihre Kapazitätsgrenzen stieß.

"Wir gehen davon aus, dass wir den Ostbayernring wie geplant weiterführen", widerspricht Lieberknecht dem politischen Anliegen. "Die Mitführung auf einem Gestänge ist nach aktuellem Stand der Technik so nicht möglich." Im November will Tennet bei der Regierung der Oberpfalz die Pläne einreichen.

Bis zu drei Jahren Verzögerung

Die Erdverkabelung wird Lieberknecht zufolge zumindest das Sued-Link-Projekt "um zwei, drei Jahre verzögern." Auch Thomas Wiede, Leiter Unternehmenskommunikation bei Amprion, hält die Einhaltung bisheriger Ziele - also den Zeitpunkt der Abschaltung der Kernkraftwerke 2022 - für "sportlich". Er wage die Prognose, dass der Gesetzgebungsprozess bis Ende des Jahres abgeschlossen sei. "Wir brauchen dann noch Zeit, um die konkreten Pläne vorzubereiten, um in die frühe Öffentlichkeitsbeteiligung einsteigen zu können - nicht vor Frühjahr 2016."

Der Beschluss stellt auch die Planung möglicher Streckenführungen auf Null - immerhin: "Mit der Erdverkabelung besteht die Möglichkeit, einen geradlinigeren Verlauf zu wählen", prognostiziert Wiede. "Das wird auch bedeuten, dass sich die Planungselipse verkleinern könnte." Anders als Ministerpräsident Horst Seehofer - "die Belastung liegt bei 0,1 Cent pro Kilowattstunde" - möchten sich die Betreiber nicht auf eine Mehrkostenprognose festlegen: "Wir können noch keine seriöse Kostenschätzung machen", sagt Lieberknecht. Wiede orientiert sich an der Schätzung des Wirtschaftsministeriums: "Die Bandbreite von 0,1 bis 0,24 Cent für Privatkunden ist plausibel."

UImweltschutzfaktor umstritten

Im Übrigen lege der Beschluss die Erdverkabelung als Standard nur für die Gleichstromtrasse fest. "Für sie rechnen wir mit einem Anteil an Erdverkabelung von deutlich mehr als 50 Prozent", sagt Wiede. Bei herkömmlichen 380-KV-Höchstspannungsleitungen soll es Erdkabel weiterhin nur bei Pilotprojekten geben. Ob die Entscheidung dem Umweltschutz diene, könne nicht eindeutig beantwortet werden: "Wenn wir von Gleichstrom ausgehen, bei dem wir über große Erfahrungswerte verfügen", sagt der Tennet-Sprecher, "ist die Erwärmung nicht signifikant - allerdings ergeben sich beim Bau der Trasse große Einschnitte." Deshalb könne gerade in Naturschutzgebieten eine Freileitung im Einzelfall die umweltverträglichere Variante darstellen, sagt Wiede.

Für die Trassengegner steht ohnehin fest: „Wir brauchen keine noch teureren Erdkabel, die letztlich nur dem europäischen Stromhandel dienen“, teilt Markus Bieswanger, Sprecher der Bürgerinitiative „Pegnitz unter Strom“ mit. Die Erdverkabelung sei in Oberfranken geographisch und geologisch ohnehin schwierig.
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