Reinhard Erös blickt pessimistisch auf die Zukunft von Afghanistan - Warnung vor neuem ...
"Wenn ich einen US-Konvoi sehe, biege ich ab"

Deutschland und die Welt
29.09.2006
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Reinhard Erös ist in Sorge, in großer Sorge. Ihn treibt die Furcht, dass in Afghanistan das wenige, was in den vergangenen Jahren am Hindukusch erreicht wurde, auch noch verloren geht. Der militärische Kampf gegen Taliban und andere Aufständische ist nach Meinung des Entwicklungshelfers aus Mintraching (Kreis Regensburg) ohnehin verloren. Verantwortlich dafür seien die Fehler, die in den vergangenen fünf Jahren begangen wurden. Allen voran kritisiert der Vater der Kinderhilfe Afghanistan das Verhalten der US-Truppen. Ihr oftmals rücksichtsloses Vorgehen bei der Jagd auf vermeintliche und tatsächliche Taliban habe mehr geschadet als genutzt. Längst seien die US-Truppen zum Feindbild schlechthin geworden.

"Wenn ich einen US-Konvoi sehe, biege ich sofort rechts ab", sagt der gebürtige Tirschenreuther. Denn in deren Nähe laufe man Gefahr, Opfer eines Selbstmordanschlags zu werden oder von den Soldaten erschossen zu werden, weil man von diesen für Attentäter gehalten werde - wenn etwa der eigene Wagen unerwartete Bewegungen mache. Das könne angesichts der schlechten Straßen jederzeit der Fall sein. Wie andere Entwicklungshelfer auch berichtet Erös von einer distanzierten Haltung der Bevölkerung. Sie würde abwarten, wer sich am Ende durchsetze, die Regierung oder die Taliban. Die Menschen hätten kein Vertrauen mehr, denn zu viele hätten nicht nur im unruhigen Süden und Osten des Landes auch fünfeinhalb Jahre nach dem Sturz der Taliban nichts von der milliardenschweren Aufbauhilfe gesehen. "Diese ist zu 90 Prozent nach Kabul geflossen."

Große Sorge bereitet Erös auch der dramatisch angestiegene Drogenanbau, von 185 Tonnen Rohopium im Jahr 2001 auf mehr als 6000 Tonnen in diesem Jahr. Ein Kilo reines Heroin koste auf dem Schwarzmarkt zwischen 40 000 bis 50 000 Euro, sagt er. Aus der diesjährigen afghanischen Ernte könnten mehr als 600 Tonnen der Droge hergestellt werden - ein Milliardenerlös für die Drogenbarone.

"Wir müssen verhindern, dass Afghanistan ein Narkostaat wird", warnt Erös und dringt auf eine Strategieänderung. "Mit Gewalt funktioniert in Afghanistan nichts." Sein Vorschlag ist, die afghanischen Bauern am legalen Anbau von Mohn zu beteiligen. Weltweit würden jährlich 10 000 Tonnen Rohopium für die Medizin, etwa zur Produktion von Morphium, angebaut. Seiner Meinung nach reiche es schon, 1000 Tonnen den Bauern am Hindukusch zuzuteilen, da sie damit viermal mehr erlösen könnten als auf dem Schwarzmarkt. Der Anbau könnte zurückgehen, ohne dass die Menschen Einkommenseinbußen befürchten müssten. Zumal die Tiere das Schlafmohnstroh nicht fressen würden und die Bauern deshalb sehr bald Futter aus Pakistan importieren müssten. Und das sei kostspielig.

Dieser Vorstoß von Reinhard Erös wird aber von der afghanischen Regierung, dem Parlament und dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) abgelehnt: Ihre Befürchtung ist, dass der Anbau dann sogar noch zunehmen könnte und das, was nicht aufgekauft würde, erneut auf dem Schwarzmarkt und damit im Drogengeschäft landet.
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