Reinhard Erös in seinem neuen Buch: Berlin hätte Bin Laden fassen und den Krieg in Afghanistan ...
Liebeserklärung an ein geschundenes Paradies

Für ihn ist es schlicht ein Paradies. Nur wenige würden auf eine solche Idee kommen angesichts der Hiobsbotschaften, die uns fast täglich aus dem geschundenen Afghanistan erreichen. Ganz sicher aber Dr. Reinhard Erös, der Gründer und Motor der "Kinderhilfe Afghanistan". Nach "Tee mit dem Teufel. Als deutscher Militärarzt in Afghanistan" (2002) hat er jetzt ein zweites Buch geschrieben: "Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen. Eine deutsche Familie kämpft für Afghanistan."

Erös, der "Doktor Sahib", der schon im Krieg der Mudschaheddin gegen die Sowjettruppen auf der Seite der Paschtunen stand, ist sich treu geblieben. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, schimpft auf die US-Regierung, die in Kauf genommen habe, dass aus den US-Soldaten, die einst als Befreier von den Taliban willkommen waren, inzwischen verhasste Besatzer geworden seien. Schuld daran sei das "robuste" Vorgehen der Amerikaner, was im militärischen Fachjargon heißt, im Zweifelsfall werde zuerst geschossen und dann festgestellt, wen man getötet hat.
Erös fragt aber auch nach der Effizienz des deutschen Militäreinsatzes. Nur knapp 400 der mehr als 3000 deutschen Soldaten dürften während ihres gesamten Einsatzes das Lager überhaupt verlassen. "Der Rest macht Innendienst." "Die Bundeswehr leert im Camp die Aschenbecher, und draußen brennt Afghanistan", zitiert er einen Journalisten. Und er beklagt die mickrige Entwicklungshilfe für Afghanistan - gerade mal 80 Millionen Euro im Jahr 2006, nur 15 Prozent der militärischen Ausgaben. Selbst davon verschwinden laut Erös mehr als zwei Drittel im Gestrüpp von Bürokratie, Korruption und mangelhafter Kontrolle.

Für Erös ist es keine Frage, dass ein "Marshall-Plan Afghanistan" allemal sinnvoller wäre als das militärische Engagement. Und nicht einmal im Kampf gegen den Drogenanbau kommt die Bundeswehr voran: "Seit die Bundeswehr im Rahmen von Isaf und OEF in Afghanistan eingesetzt ist, hat sich die Finanzierung des islamistischen Terrorismus durch den Drogenanbau in Afghnaistan verzehnfacht."
Erstmals erzählt der frühere Oberstarzt der Bundeswehr auch, dass es Berlin vielleicht in der Hand gehabt hätte, Osama bin Laden kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu fassen und den Krieg in Afghanistan zu verhindern. Fast minutiös beschreibt Erös, wie der Ober-Terrorist, der sich in den Höhlen von Tora Bora verschanzt hatte, an Deutschland hätte ausgeliefert werden können, wenn Berlin die Geschichte nicht zu heiß gewesen wäre. Erös vermittelte den Kontakt zwischen dem Bundeskanzleramt und einem ehemaligen Mudschaheddin-Kommandeur, der bin Laden an Deutschland überstellen wollte. Doch Berlin winkte ab. "In fünf Tagen beginnt der Krieg. Er wird lange dauern. Schade, deine Regierung hätte ihn verhindern können", zitiert Erös seinen Gewährsmann, Hadschi Zamon.

Hilfe aber ist möglich, wie Erös mit seiner inzwischen vielfach ausgezeichneten "Kinderhilfe Afghanistan" schon seit Jahren beweist. Mit 50 000 Euro lässt sich in Afghanistan eine komplette Schule für tausend Jungen und Mädchen bauen und diese auch noch mit Mobiliar ausstatten. Das Erfolgsrezept: persönliche Bindung, gegenseitiges Vertrauen. Das schützt besser als Polizei oder Militär. "Keine unserer bis heute gebauten achtzehn Schulen ist jemals von den bildungsfeindlichen Taliban angegriffen und zerstört worden." Bildung als Gegengewicht zu radikalen Koranschulen, Das ist das Credo der Familie Erös: "Dass religiöser Terrorismus zuallererst mit Bildung bekämpft werden muss und nicht mit zerstörerischem Krieg."
Erös erzählt und lässt erzählen: Seine Frau Annette zum Beispiel, die "Stabschefin" zuhause in Mintraching bei Regensburg. Sie berichtet von über 1500 Afghanistan-Veranstaltungen, die die Familie Erös seit 2001 bestritten hat, von der großen Spendenwilligkeit der Landfrauen im bayerischen Wald und vom peinlichen Geiz einer großen deutschen Wirtschaftsvereinigung. Zu Wort kommt aber auch der Warlord, der tagsüber für die USA und nachts für die Taliban arbeitet, und der Drogenbaron, der es natürlich schon mal mit Weizen versucht hat, aber darauf sitzen blieb.

Afghanistan und seine Widersprüche, seine vielen Fronten - Erös liefert gute Gründe, warum es sich lohnen könnte, mehr für das vom Untergang bedrohte Paradies zu tun, als Soldaten zu schicken.

Reinhard Erös: Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen. Eine deutsche Familie kämpft für Afghanistan. 368 Seiten, 19,95 Euro, Hoffmann und Campe.
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