Riskanter Schnappschuss

Urlaub, Konzerte, Feste - auf Selfies halten Menschen ihre schönsten Erinnerungen fest. Doch manchen reicht das nicht; sie machen immer extremere Aufnahmen.

Das Bild ging um die Welt: Das Kirchenschiff des Kölner Doms, aufgenommen von ganz oben, die Kreuzform genau zu erkennen - und im Vordergrund zwei baumelnde Füße in Turnschuhen. Vor gut zwei Jahren stiegen zwei russische Extremkletterer ohne Sicherung auf die Spitze des Doms, um dort ebendieses Foto aufzunehmen.

Der damalige Dompropst Norbert Feldhoff erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Den Trend hat das nicht aufgehalten. Inzwischen sammeln zahllose Internet-Portale extreme Selfies, darunter auch schlicht geschmacklose von Beerdigungen. Manche listen ebenso genüsslich die schlimmsten Selfie-Unfälle auf: Das Posieren mit Handgranaten oder auf Bahnschienen sind nur zwei Beispiele dafür. In Russland startete die Polizei im vergangenen Sommer eine Kampagne gegen Extrem-Selfies. Seit Jahresbeginn habe es rund 100 Fälle gegeben, bei denen Menschen sich bei Selbstporträts verletzt hätten, außerdem Dutzende Todesfälle, hieß es damals vom russischen Innenministerium.

Die Kieler Kommunikationsdesignerin Maria Gonzalez hat das Phänomen wissenschaftlich untersucht. Die Bilder zeigten, "wie weit ein Mensch gehen kann, um ein gewünschtes Bild zu erreichen." Sie erinnert an die mythologische Figur des Narziss. Er sei ein Sinnbild für die heutige Zeit, meint sie: der schöne junge Mann, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und schließlich ertrinkt bei dem Versuch, es zu umarmen. Die Sozialen Netzwerke hätten diesen Trend gewissermaßen auf die Spitze getrieben und eine Art modernen Narziss hervorgebracht: einen, der von sich selbst besessen ist. Die Selbstdarstellung auf Facebook gehe zudem einen Schritt weiter. Sie entspreche nicht mehr einem Spiegel, sagt Gonzalez. Sie zeige vielmehr das, was man selbst zu sehen wünsche. Diese Einschätzung teilt der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Die beiden russischen Kletterer hätten Selfies als Kulturform genutzt, sagt er: "Sie inszenieren einen Ausschnitt ihrer Persönlichkeit, nämlich sich selbst als wagemutige Abenteurer." Es gehe um zentrale Fragen wie: Wer bin ich? Wie sollen mich andere sehen? Und wie signalisiere ich ihnen das?
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