Schmaler Grat zwischen glühendem Europäer und herzlosem Spalter
Hassfigur Schäuble

Wolfgang Schäuble. Archivbild: ggö
An geschmacklose Karikaturen als SS-Scherge und KZ-Aufseher hat sich Wolfgang Schäuble in der mehr als fünf Jahre dauernden Griechenland-Krise beinahe gewöhnt. Dass selbst diese durch menschenverachtende Bilder übertroffen werden können, zeigt die Hasswelle, die sich nach der Einigung über neue Milliarden-Hilfen über den Finanzminister in sozialen Netzwerken zusammenbraut: Schäuble, samt Rollstuhl an einem Baum aufgehängt oder als blutrünstiger IS-Terrorist.

Solche Bilder dürfte der 72-jährige CDU-Politiker noch als krankhafte Hirngespinste abtun. Dagegen wird ihn die harsche Kritik manch renommierter US-Ökonomen und des einen oder anderen europäischen Staats- und Regierungschefs ärgern. Deren Vorwurf: Der glühende Europäer habe überzogen und sei ein Spaltpilz, der der europäischen Idee und der Währungsunion genauso schade wie die Links-Rechts-Regierung des griechischen Premiers.

Denn ausgerechnet vor dem entscheidenden Wochenende lanciert Schäuble ein knappes, aber brisantes Papier, in dem Athen auch der zeitweise Euro-Austritt nahelegt wird - als Option im Falle einer Nicht- einigung. Zeitweise deshalb, weil Griechenland gar nicht aus dem Euro hinausgedrängt werden kann und bei einem Scheitern der Gespräche ein Chaos verhindert werden soll.

Der "Auszeit"-Vorstoß des überzeugten EU-Anhängers Schäubles landet zwar vorerst in der Plan-B-Schublade. Aber an das Papier wird man sich in Athen und Rest-Europa ebenso erinnern wie in Berlin. Die SPD fühlt sich - zu Unrecht - böse gefoult. Der Grünen-Politiker Reinhard Bütikofer wetterte: Der "herzlose, herrische und hässliche Deutsche hat wieder ein Gesicht, und das ist das von Schäuble".

Schäubles "Grexit-auf-Zeit-Variante" - abgestimmt mit Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel - kam nicht ganz überraschend. Zumal die Rollenverteilung seit Monaten klar schien: Schäuble, der ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro-Raum in Kauf nimmt. Und Merkel, die das große Ganze im Blick hat.

Da der Unmut über Tsipras groß ist, musste Schäuble nicht einmal den Wortführer geben. Dennoch bleiben Sätze des deutschen Ministers hängen. Ein krawalliger Sprücheklopfer, der nur provozieren will, ist der Politprofi aber nicht. Der Jurist ist ein geschickter Verhandler. Da legt er den "Fünf-Jahre-Grexit" auf den Tisch und fordert die Griechen auf, nachzulegen. Es hagelt Proteste, auch aus anderen Euro-Ländern. Der harte Kurs kostet Schäuble und Deutschland sicher Renommee. In Deutschland ist der Finanzminister so beliebt wie nie zuvor ein Kassenwart. In einer Umfrage rangierte Schäuble zuletzt sogar vor Merkel.
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