Schwarz-roter Rollentausch

Der Hamburger Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und seine Frau Britta lassen sich von den Anhängern feiern. Bild: dpa

Die SPD obenauf, die CDU erlebt ein Desaster: Die Hamburg-Wahl zeigt eine Art verkehrte Welt im Vergleich zum Bund. Wahlsieger Olaf Scholz könnte nun seinen Einfluss auf die Bundes-SPD weiter stärken.

Sigmar Gabriel lacht. "Ist ein schöner Abend, oder?" Der SPD-Chef und Vizekanzler hat endlich mal wieder was zu feiern. Hamburg bleibt SPD-Bastion. "Olaf Scholz hat einen einmaligen Vertrauensbeweis für seine Politik und die der SPD bekommen", ruft Gabriel den Anhängern im Willy-Brandt-Haus zu. Es gibt in der SPD-Zentrale ein zuletzt seltenes Bild, alle klatschen begeistert, als der rote Balken in die Höhe schnellt.

Schon wenig später tritt Gabriel auf das Podium. Scholz halte, was er verspreche, lobt er: von gebührenfreien Kitas bis zu tausenden neuen Wohnungen. Dann spricht Gabriel seine Anteilnahme für die Opfer der Anschläge in Kopenhagen aus, nach zweieinhalb Minuten ist er weg. Überraschend schnell. Sein Vize Scholz dürfte durch den Erfolg seinen Einfluss weiter stärken.

Ein paar Kilometer entfernt gibt es bei der CDU von Kanzlerin Angela Merkel dieses Mal nichts zu feiern. Man hatte sich schon vor der Wahl nicht viel ausgerechnet. Dass es aber ein derartiges Desaster werden und die Partei im Vergleich zu 2011 noch einmal drastisch verlieren würde, wirkt dann doch wie ein Tiefschlag im Konrad-Adenauer-Haus. Wehmütig erinnern sich Parteimitglieder an Ole von Beust, der von 2001 bis 2010 Hamburg regierte. Er trat zurück und verließ die Politik, die schwarz-grüne Koalition funktionierte ohne von Beust in der Hansestadt nicht mehr.

Von Hamburg abgrenzen

CDU-Generalsekretär Peter Tauber mahnt: "Diese Wahl zeigt, wie schwer es ist, einmal verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen." Tauber achtet penibel darauf, die Hamburg-Wahl vom Bund abzugrenzen. Die Landespolitik habe die entscheidende Rolle gespielt, betont er. So sehr der Hamburger CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich für einen engagierten und motivierten Wahlkampf gelobt wird, so sehr ist die CDU doch überzeugt: Großstadt hin oder her - entscheidend ist das Charisma der Spitzenleute. Von Beust habe es gehabt. Und Merkel habe es.

Die Lage im Bund kontrastiert auch für die SPD mit der in Hamburg, aber im umgekehrten Sinne. Scholz redet nicht über einen neuen Wirtschaftskurs, er macht gute Wirtschaftspolitik, zumindest sehen das Hamburger Unternehmer so. Er hat einen klaren Kurs, gibt den selbstbewussten, unaufgeregten Macher, kann im richtigen Moment schweigen. Auch wenn Scholz die Grünen als Wunschpartner bei einem Verfehlen der absoluten Mehrheit ausgegeben hat: In der Bundes-SPD fänden einige Rot-Gelb charmant - als Signal. Denn einige klammern sich an den Strohhalm, dass es 2017 eine Ampel mit FDP und Grünen im Bund geben könnte - eine der wenigen Machtperspektiven gegen die Union vielleicht, um den Kanzler zu stellen.

In der SPD wächst die Ratlosigkeit, denn Angela Merkel dominiert die Koalition. Einige stufen die Kanzlerin und ihre Union für 2017 bereits als unschlagbar ein. "Das ist im Moment keine Große Koalition, das ist eine Merkel-Koalition", meint ein einflussreicher Genosse. Auch die Einführung von 8,50 Euro Mindestlohn hat die Umfragen nicht gebessert. Man schwankt zwischen den Extremen: An 14 von 16 Landesregierungen beteiligt, 9 der 10 größten Städte unter SPD-Führung - doch im Bund dümpelt man bei 25 Prozent.

Übermächtige Merkel

Gabriel weiß, dass bei einer Bundestagswahl auch 60 Prozent in Hamburg nicht helfen, wenn die Partei im Osten und Süden weiter so schwächelt. Für die CDU im Bund ist die Bestätigung der FDP in der Bürgerschaft ein Hoffnungsschimmer. Die FDP bleibt Wunschpartner. Und ob Gabriel oder Scholz Kanzlerkandidat wird, sieht die CDU gelassen. Sie haben Merkel. Und etwas anderes, als dass sie ein viertes Mal antritt, können sich viele nicht vorstellen.
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