"Schwimmender Vulkan"

Die kleine Serafina und ihr Stofftier haben das Unglück auf der "Norman Atlantic" unversehrt überstanden. Hier wird ihr am griechischen Flughafen Elefsina aus einem Transportflugzeug geholfen. Für mindestens elf weitere Passagiere der Fähre kam jedoch jede Hilfe zu spät. Bild: dpa

Bei der Suche nach den Opfern des Fährunglücks in der Adria spielt sich ein verwirrendes Hin und Her ab. Niemand weiß, wie viele Menschen an Bord waren. Mehr Tote als erwartet werden gefunden. Die Vorwürfe der Passagiere sind erschreckend.

Nach dem Schiffsunglück in der Adria befürchten die Behörden, dass weit mehr Menschen ums Leben gekommen sind als bisher bekannt. In dem Wrack der "Norman Atlantic" seien wahrscheinlich noch mehr Opfer, sagte der italienische Staatsanwalt Giuseppe Volpe, der mit den Ermittlungen beauftragt ist. Im Schiff hätten sich blinde Passagiere versteckt. Bisher wurden elf Tote geborgen. Zudem kamen zwei albanische Einsatzkräfte beim Abschleppversuch der Fähre ums Leben, weil ein Tau gerissen war.

Da es unterschiedliche Angaben zu der Passagierliste gab, ist unklar, wie viele Menschen auf der Fähre waren und jetzt vermisst werden. Staatsanwalt Volpe sagte am Dienstag, dass möglicherweise 499 Menschen an Bord waren. Gerettet wurden 427. Darunter sind auch 17 Deutsche, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte. Bei zwei weiteren Bundesbürgern sei unklar, wo sie seien.

Das Schiffswrack wurde beschlagnahmt und sollte nach Brindisi in Süditalien geschleppt werden. Gegen den italienischen Kapitän und den Eigentümer der italienischen Reederei Visemar leitete die Staatsanwaltschaft in Italien Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführens einer Havarie ein. Auch die Staatsanwaltschaft in Piräus in Griechenland ermittelt.

Autodeck als Todesfalle

Ein großer Teil der Geretteten war auf dem Marineschiff "San Giorgio", das nach mehreren Verzögerungen in Brindisi anlegen sollte. Staatsanwalt Volpe nannte die Zahl von 179 Menschen, von denen man keine Informationen hätte - es handle sich vermutlich um Gerettete, die in Schiffen nach Griechenland kamen.

Die Vorwürfe der Überlebenden werden unterdessen immer lauter: Aussagen von Geretteten legen nahe, dass auf den Autodecks schlafende Lkw-Fahrer ums Leben gekommen sind. Eine Lkw-Fahrerin sagte griechischen Medien: "Drei meiner Kollegen sind umgekommen." Die Trucker hätten in der Fahrerkabine geschlafen. Niemand hätte die Passagiere rechtzeitig alarmiert. Das Feuer war vermutlich im Autodeck ausgebrochen. Ein geretteter Lkw-Fahrer klagte, von der Besatzung sei keinerlei Hilfe gekommen. "Es gab keinen Feueralarm, der Rauch hat uns geweckt." Auch die Retter hätten sich nicht gekümmert. "Wir waren zwischen Feuer und Wasser, und niemand hat geholfen. Sie haben nicht eine Flasche Wasser oder eine Decke für die Kinder abgeworfen. Es war ein schwimmender Vulkan."
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