Shopping statt Schwermetall

Das Kösseine-Einkaufs-Center (KEC) in Marktredwitz steht auf dem Boden der ehemaligen Chemischen Fabrik. Bild: dpa

Stolz war man in der Chemischen Fabrik Marktredwitz auf eine lange Tradition und einen Besuch von Goethe. Doch vor 30 Jahren kam ein riesiger Umweltskandal in der Fabrik ans Licht. Heute erinnert nichts mehr daran, dass das Gelände mit Quecksilber verseucht war.

Die Schließung der Chemischen Fabrik Marktredwitz vor genau 30 Jahren war einer der größten Umweltskandale Deutschlands. Heute ist auf dem Gelände nichts mehr davon zu sehen, dass der Boden und ein nahe gelegener Fluss extrem mit dem Schwermetall Quecksilber belastet waren. Es ist dort ein Einkaufszentrum gebaut worden.

In Bayern sind derzeit etwa 16 700 Altlasten und Altlastverdachtsflächen in einem Kataster erfasst. Davon sind etwa 5700 alte Industriestandorte und 11 000 Ablageorte, also meist ehemalige Hausmülldeponien. Etwa 5900 Flächen habe man seit dem Jahr 2000 aus dem Kataster nehmen können, da sie entweder saniert wurden oder der Verdacht ausgeräumt werden konnte, teilte das Umweltministerium mit.

200 Jahre alte Geschichte

Ziel sei es, die belasteten Flächen wieder nutzbar zu machen, sagte Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU). "Für die Beseitigung und Untersuchung von Altlasten hat der Freistaat seit dem Jahr 2000 insgesamt über 100 Millionen Euro aufgewendet." In den kommenden Jahren werde noch einmal in etwa der gleiche Betrag zur Verfügung gestellt.

Die Chemische Fabrik Marktredwitz gab sich als stolzes Unternehmen mit einer fast 200 Jahre alten Geschichte; hergestellt wurden vor allem Zusätze für die Glasproduktion, später dann Pflanzenschutzmittel. Sogar Johann Wolfgang von Goethe besuchte 1822 die Fabrik und zeigte sich beeindruckt.

Das nutzte 1985 freilich nichts mehr: Am 11. Juli wurde der Betrieb der Fabrik eingestellt, nachdem verseuchtes Sickerwasser ausgetreten war. Die wahre Dimension des Skandals wurde aber erst nach und nach klar. Jahrzehntelang waren mit Schwermetall verunreinigte Produktionsrückstände auf dem Gelände einfach vergraben worden, auch zugemauerte Tanks mit gefährlichen Substanzen fanden sich.

Experten sprachen von einem der größten Umweltskandale Deutschlands, jahrelang dauerten die Arbeiten, um Verseuchungen von Wasser, Boden und Bauschutt zu beseitigen. Der damalige Hofer SPD-Landtagsabgeordnete Bernd Hering sprach von der "Fabrik des Schreckens".

Ex-Firmenchefs verurteilt

175 Millionen Mark kostete die Sanierung - und zwar den Steuerzahler, denn die Fabrikbetreiber meldeten kurz nach der erzwungen Schließung Konkurs an. In einem Prozess wurden die beiden Ex-Firmenchefs 1988 wegen vorsätzlichen unerlaubten Betriebs von Anlagen, vorsätzlicher umweltgefährdender Abfallbeseitigung und fahrlässiger Gewässerverunreinigung zu Geldstrafen von 110 000 und 80 000 Mark verurteilt.

Deutlich geworden war bei dem Verfahren, dass die Aufsichtsbehörden und die Politik jahrelang weggeschaut und nicht genau überprüft hatten, was in der Fabrik mit den Abfällen geschah und warum Mitarbeiter gesundheitliche Probleme bekamen. Medienberichten zufolge litten vor allem die Fabrikangestellten unter Vergiftungssymptomen.
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