Somas Kumpel fühlen sich im Stich gelassen

An den Gräbern der Bergarbeiter, die beim Grubenunglück ums Leben kamen, wird getrauert. Derweil ist die finanzielle Lage der Hinterbliebenen und der arbeitslos gewordenen Kumpel prekär. Bild: dpa

301 Bergarbeiter starben vor einem Jahr in einer Grube im westtürkischen Soma. Noch immer ist die Ursache des Unglücks nicht aufgeklärt. Bergleute kämpfen mit psychischen Problemen und leiden unter Existenzangst.

Geschlossene Räume und Dunkelheit lösen bei Ahmet Panik aus, das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Doch am Schlimmsten seien die Alpträume, sagt der 21-Jährige. Dann sehe er seine toten Kumpel wieder vor sich und ihre rußverschmierten Gesichter. "Ich nehme Medikamente, sonst halte ich das nicht aus", sagt er. Vor einem Jahr hat er geholfen, die Leichen zu bergen.

Ursache immer noch unklar

301 Menschen starben im Mai 2014 in der Mine Eynez in der Westtürkei. Das Bergwerk wird von der privaten Soma-Holding betrieben und ist seit dem Unglück geschlossen. Wie genau es zu dem Unfall kam, ist bis heute ungeklärt. Durch einen Brand trat giftiges Kohlenmonoxid aus. Das Gas ist tückisch - farb- und geruchslos. Die meisten Opfer erstickten.

Zur Zeit des Unglücks war Ahmets Schicht schon zu Ende, er eilte zur Mine, um zu helfen. Nun leistet Ahmet seinen Militärdienst ab. Sonst wäre er arbeitslos, wie die meisten, die in der Unglücksmine gearbeitet hatten. Die Männer vertreiben sich die Zeit im Teegarten ihres Dorfes Kinik rund 20 Kilometer westlich von Soma. Im Ort ist es ruhig, er liegt am Wegesrand zwischen Olivenbäumen. Die Idylle trügt. Das Unglück hat Narben hinterlassen. Zu den Erinnerungen kommt Existenzangst. Es gibt keine Arbeit, außer in den Minen.

Den "Märtyrerfamilien" zahlt der Staat eine Waisenrente - je nach Position des Verstorbenen umgerechnet 330 bis 660 Euro. Die Überlebenden erhielten ihr Gehalt nach dem Unglück zunächst weiter. Doch Ende 2014 kündigte die Firma mehr als 2800 Kumpeln. Sie arbeiteten in der Unglücksmine Eynez oder anderen Minen der Firma, die wegen Sicherheitsmängeln geschlossen wurden.

Arbeitslosengeld, etwa 300 Euro, zahlt der Staat nur sechs Monate. Danach müssen sich die Männer als Tagelöhner verdingen. Das reicht kaum, um die Familie durchzubringen. "Man hat uns vergessen", sagt einer. Feti Akin, ebenfalls ehemaliger Kumpel in Soma, geht noch weiter. Die islamisch-konservative Regierungspartei AKP sorge absichtlich dafür, dass die Männer aus Kinik keine neue Arbeit erhielten. Ein AKP-Sprecher erklärte, die verbliebenen Bergwerke hätten nicht genug Kapazität für die entlassenen Kumpel.

"Es gibt genug Arbeit in anderen Minen. Aber sie stellen uns nicht an, weil wir mit den Medien gesprochen und die Arbeitsbedingungen kritisiert haben", sagt der 43-Jährige. Minenbetreiber und AKP, das ist für Akin und andere ein und dasselbe. Als "Schicksal", wie Staatspräsident Erdogan, will Akin das Unglück nicht abtun. "Es gibt Verantwortliche, und die müssen bestraft werden." Einen Antrag der Opposition, die Mine auf Sicherheitsmängel untersuchen lassen, hatte die AKP abgelehnt.
Weitere Beiträge zu den Themen: Weltgeschehen (20753)Mai 2015 (7904)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.