Sonnenfinsternis birgt Blackout-Gefahr
«Wir sind angespannt»

Die Sonnenfinsternis am 20. März birgt Risiken - mit einem Schlag können große Solarstrommengen wegfallen. Die Netzbetreiber sind nervös. Bild: dpa

Seit Jahren gehörte das Beschwören eines Blackouts zum Repertoire der Energiewende-Gegner. Sie lagen falsch. Doch die Sonnenfinsternis am 20. März birgt nun tatsächlich Risiken - mit einem Schlag können große Solarstrommengen wegfallen. Die Netzbetreiber sind nervös.

Berlin. (dpa) Im Internet macht sich eine Dame schon Sorgen, dass an ihrem Geburtstag wegen der Sonnenfinsternis der Blackout drohen könnte. Ein Rat an sie lautet: Rasch noch Notstromaggregate kaufen, damit das Kaffeekränzchen nicht im Dunkeln stattfinden muss. Die Stromnetzbetreiber bereiten sich seit Monaten intensiv und europaweit auf jenen 20. März 2015 vor. Denn der deutsche Solarboom der letzten Jahren macht das Naturschauspiel zu einer schwer berechenbaren Größe.

«Wir sind angespannt», sagt ein Sprecher des nordostdeutschen Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz. Das hängt mit den 39,000 Megawatt an installierter Solarleistung zusammen. Zwischen 9.30 und 12 Uhr werden bis zu 82 Prozent der Sonne verdeckt sein. Wenn es an jenem Freitag bewölkt ist, dürfte es ein eher entspannter Tag werden in den Leitzentralen der vier Übertragungsnetzbetreiber. Sie steuern die großen Trassen in Deutschland und müssen notfalls Reservekraftwerke zum raschen Anfahren verpflichten. Es gibt gleich zwei spannende Momente - wenn man so will droht eine doppelte Blackout-Gefahr.

Am Anfang der Sonnenfinsternis rechnen die Netzbetreiber mit einem Rückgang der Solar-Einspeisung um bis zu 12.000 Megawatt. Nach Ende des kosmischen Schauspiels erwarten sie - das ist weit brenzliger - eine plötzlich wieder dazukommende Einspeisung von 19.000 Megawatt aus den weit über eine Million Solaranlagen in Deutschland. Der Grund für den deutlichen Unterschied: Die Sonne steht zur Mittagszeit höher, das erhöht die solare Stromproduktion.

19 000 Megawatt: Das entspricht der Leistung von rund 14 großen Atomkraftwerken, eine Riesen-Herausforderung, wenn mit einem Mal so viel Strom in die Netze knallen sollte und konventionelle Kraftwerke im Gegenzug umgehend heruntergefahren werden müssen. Gerade in Süddeutschland sind große Industriezentren. Autobauer wie BMW und Daimler sind auf eine sichere, störungsfreie Versorgung angewiesen.

Diverse Risikostudien sind erstellt worden. Und die vier großen Netzbetreiber dürfen sich statt normalerweise 3500 Megawatt an sogenannter Regelenergie für Engpasssituationen für den Tag der Sonnenfinsternis mit 4500 Megawatt Regelenergie eindecken. Das ist die Reservekapazität, die dafür verpflichtete Kraftwerke sofort liefern müssen, um Netzschwankungen zu kompensieren. Bestimmte Kraftwerke könnten in Notsituationen richtig viel Geld verdienen.

Wichtig sind auch die «Bilanzkreisverantwortlichen», die für ihre Gebiete Verantwortung tragen, dass der Nachfrage immer genug Angebot zur Verfügung steht. Sie müssen das für Intervalle von 15 Minuten möglichst exakt berechnen. Wenn sie mangels Angebot ihren Kreislauf nicht ausbalancieren können, drohen Probleme. Wichtig ist für diesen Tag daher besonders der Wetterbericht. Wenn die Sonnenfinsternis zu Ende ist, könnte es wegen der zurückkehrenden Solareinspeisung durch zu viel Angebot sogar zu negativen Strompreisen kommen: Wer den Strom zur Entlastung der Netze abnehmen kann, bekommt noch Geld oben drauf.

Ein generelles Problem - gerade bei viel Wind und Sonne: Es fehlen große «Stromautobahnen», also Höchstspannungstrassen mit bis zu 4000 Megawatt Übertragungskapazität, die schnell große Mengen Strom hin und her transportieren und das Netz durch mehr Flexibilität stabil halten können. Aber Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), wegen der vielen Solaranlagen im Freistaat quasi «Sonnenkönig» bei der Energiewende, blockiert den Bau zwei großer Trassen in den Süden.

Für die Fachleute der Denkfabrik Agora Energiewende ist die Finsternis ein guter Testfall für das Jahr 2030, wenn rund die Hälfte des Stroms europaweit aus Wind, Sonne und Co. erzeugt werden soll. Berechnungen zeigten, «dass es 2030 immer wieder Situationen geben wird, in denen sich die Einspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien in einer Stunde um bis zu 14.000 Megawatt verändern wird», so Direktor Patrick Graichen. Wenn das heute noch recht inflexible Stromsystem die Sonnenfinsternis meistere, «dann wird Stromsystem des Jahres 2030 mit vergleichbaren Situationen spielend zurechtkommen.»

Der Bundesverband Solarwirtschaft betont: «Nur bei wolkenlosem Himmel über Deutschland werden die Netzbetreiber an diesem Tag einen spürbar höheren Regelungsaufwand haben.» Mehr Mitarbeiter als üblich werden die Netzstabilität überwachen. Sie sind durch die je nach Wetter schwankende Einspeisung von Solar- und Windenergie schon gestählt, der Ökostromanteil liegt bundesweit heute bereits bei 26,2 Prozent.

Aber so eine Sonnenfinsternis ist Neuland - die nächste mit einem vergleichbaren Bedeckungsgrad gibt es erst 2048. Dann soll Deutschland fast komplett Grünstromland sein, dann könnte die Herausforderung noch größer sein. Könnte. Denn wenn es Durchbrüche gibt bei der Speicherung von Strom, dürfte dieser gespeicherte Strom den Sonnen-Ausfall sofort auffangen.