Sorgen, Frust und Emotionen im Umkreis der Bleikristallglasfabriken
Giftige weiße Flocken

Stiller Protest der Altenstädter. Auf Anregung der Bürgerinitative standen 1984 über 100 Schilder in den Vorgärten. Der damalige Regierungspräsident Karl Krampol ließ sich durch den Ort fahren, um sie zu begutachten. Bild: cr
Altenstadt/Neustadt. (cr) Die Einrichtung von Sperrzonen im Umkreis der Bleikristallglasfabriken in Altenstadt und Neustadt lässt die führenden Mitglieder der damaligen Bürgerinitiative noch einmal aktiv werden. In den nächsten Tagen übergeben sie drei dicke Ordner und ein Fotoalbum mit Quellen und Berichten ans Archiv des Altenstädter Heimatmuseums.

Die Unterlagen spiegeln Sorgen und Nöte, Grabenkämpfe, Frust, Emotionen, ein unglaubliches Engagement und die ebenso überwältigende Solidarität der Bevölkerung wider. Bedeutsam für alle engagierten Bürger war und ist bis heute die Erkenntnis: Ohne eine freie und unabhängige Presse wäre damals alles im Sande verlaufen.

Schnee im Sommer

Sperrzonen für Glasfabriken - eine unendliche Geschichte, die am 2. Juli 1983 mit einem Umweltskandal begann. Über Nacht war ein zehn Hektar großer Mischwald im Süden von Altenstadt zum "Horrorforst" mutiert, wie "Der neue Tag" damals titelte. In Hunderten von Gärten warfen Sträucher ihre Blätter ab, Erdbeeren verfärbten sich braun.

Was war geschehen? Nach hilflosen Erklärungen kam das Untersuchungsergebnis aus Weihenstephan: "Erhöhte Rückstände von Fluor in den Pflanzenresten, bis über 50 Milligramm pro Kubikmeter." Der Grenzwert liegt bei 0,003 Milligramm. Für den damaligen Forstrat Hubert Schlamminger stand außer Zweifel: "Da muss sich in einer der Glasfabriken etwas Besonderes abgespielt haben." Denn mit Fluorgas, die wässrige Lösung heißt Flusssäure, bekommt das Bleikristallglas erst seinen richtigen Glanz. Die Dinge nahmen ihren Lauf. Am 20. August 1983 schneite es plötzlich weiße Flocken. Schnell war die Ursache gefunden: Arsen. Das Weiß an den Kaminrändern aller Fabriken sprach eine eindeutige Sprache. Nun rückte das Blei, der Grundstoff für die Glasherstellung, in den Vordergrund. Die gesamte Trinkwasserzufuhr für Altenstadt wurde gestoppt, die Böden waren verseucht. Die Emotionen schlugen hoch.

Hohe Bleiwerte

Die Kripo ermittelte, die Politik schaltete sich ein. Noch herrschte große Verunsicherung. Messergebnisse wurden nicht weitergegeben, landeten aber dennoch anonym in Briefkästen einer inzwischen gegründeten Bürgerinitiative. Altenstadt und Neustadt standen im Fokus der Öffentlichkeit. Sogar der Bundestag beschäftigte sich mit dem Thema.

Wasser-Untersuchungen am 7. März 1986 ergaben erschreckend hohe Bleiwerte. Entnahmestellen waren Weiden (Konrad-Adenauer-Anlage): 316 Mikrogramm/Liter; Altenstadt (300 Meter südöstlich der Firma Hofbauer): 576 Mikrogramm/Liter; Neustadt (Kaiser-Karl-Straße): 82,7 Mikrogramm/Liter, St. Felix: 58,3 Mikrogramm/Liter. Der Grenzwert bei Blei lag damals bei 50 Mikrogramm/Liter.

Strafprozess in Weiden

Vor 30 Jahren musste sich ein Glasfabrikant vor der Großen Strafkammer des Landgerichts verantworten. Eine Verhandlung, die bislang einmalig in der Bundesrepublik war. Die Anklagepunkte waren niederschmetternd: nicht genehmigte Anlagen für den Bereich der Luft- und Wasserreinhaltung, Säureunfälle mit einer 40 000-fachen Überschreitung des Fluorgehalts in der Luft. Das Ergebnis war überraschend: Wegen geringer Schuld stellten die Richter das Verfahren gegen die Zahlung 10 000 D-Mark Bußgeld ein.
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