SPD-Bundesvorsitzender beschränkt sich gegenüber CSU-Chef Horst Seehofer auf kleine Bosheiten
Sigmar Gabriels wundersame Beißhemmung

Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel (SPD) hebt in Vilshofen beim Politischen Aschermittwoch sein Bierglas. Bild: dpa
Es kommt wohl nur alle paar Jahrhunderte vor, dass sich ein Preuße in Bayern als Schutzpatron andient. SPD-Chef Sigmar Gabriel tut es beim Politischen Aschermittwoch seiner Partei in Vilshofen. Noch vor dem Zelt sagt der im Hauptberuf als Bundeswirtschaftsminister tätige Niedersachse, er wolle "Bayern schützen" - und zwar vor zu hohen Strompreisen. Die sieht er unweigerlich kommen, sollte sich die Staatsregierung weiter gegen neue Stromtrassen aus dem Norden sperren.

"Mein Freund Horst"

Diese Einlassung hätte ein prima Auftakt sein können für eine bierzelttaugliche Abrechnung mit dem Schutzpatron der Trassengegner, Horst Seehofer. Doch im Umgang mit dem CSU-Ministerpräsidenten kultiviert Gabriel eine Beißhemmung, die seinen bayerischen Genossen so langsam ziemlich auf die Nerven geht. Bis in die Führungsetage hinein rätselt man über die Gründe, warum Gabriel den Kollegen nicht endlich einmal frontal angeht.

Denn Seehofer sei mit seiner Energiepolitik ein "Standortrisiko für Bayern - das größte in unserer bisherigen Geschichte", urteilt SPD-Landeschef Florian Pronold. Gabriel nimmt die Vorlage nicht auf. "Meinen Freund Horst kann ich mir heute nicht vornehmen, das machen schon seine eigenen Minister", gibt er sich milde. Persönliche Attacken, wie sie beim Aschermittwoch zum guten Ton gehören, unterlässt Gabriel völlig. Kritik an Seehofer verpackt er in Verallgemeinerungen. "Die haben für die gleichen Stromtrassen gestimmt, die sie heute bekämpfen", sagt er an einer Stelle.

Ansonsten kommt er mit kleinen Bosheiten nur über die Hintertür. Zum Beispiel, als Gabriel die Grenzen von Seehofers Macht in Berlin aufzeigt. Der habe die Koalitionsverhandlungen mit der Idee von bundesweiten Volksabstimmungen bereichert. "Ich fand das gut, aber am Ende hat Mutti einmal böse geguckt - und dann war er weg vom Tisch, der Vorschlag der CSU."

Falsches Vorbild

Dabei kann Gabriel auch ganz anders. Nicht nur, dass er das verzagte Parteivolk aus dem Stand für die Sozialdemokratie neu begeistern kann. Mit der CSU als solcher und deren gleichzeitiger "Gedenkveranstaltung mit Veteranenreden" in Passau rechnet er wortstark ab. Mutig sei das von der CSU, am Aschermittwoch Franz Josef Strauß' zu gedenken. Schließlich stehe der Altvordere Strauß für diverse republikweite Skandale. "Der Strauß ist der Letzte, den ich mir als Vorbild für meine Kinder vorstellen könnte", sagt Gabriel. Wenn Seehofer sage, Strauß blicke ihm jeden Tag über die Schulter, "dann erklärt das einiges, zum Beispiel die Vetternwirtschaft der CSU in Bayern".

SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher schlägt, nein er brüllt den Bogen von FJS zur heutigen CSU derart in das Festzelt, dass man meinen könnte, es hätte ihm vorher keiner gesagt, dass es auch in Niederbayern funktionierende Mikrofonanlagen gibt. "Bei Strauß ging es wenigstens noch um Schützenpanzer und Starfighter - heute sind es Spielzeugautos und ein Sekretärinnengehalt für die eigene Ehefrau", ätzt Rinderspacher über aktuelle CSU-Affären.

Länger als Matthäus' Ehen

Bevor seine Stimme versagt, kalauert er noch über die Ausländermaut. Das Gesetzgebungsverfahren dazu dauere "inzwischen länger als eine durchschnittliche Ehe von Lothar Matthäus". Väterlich klopft Gabriel dem Aschermittwochsneuling beim Abgang auf die Schulter: "Lieber Markus, besser, du schreist hier als zu Hause." Der Schutzpatron Sigmar kümmert sich eben auch um einzelne Schäfchen.
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