Stadt kämpft mit "Tag der Demokratie" um ihren Ruf
Wunsiedel zeigt Flagge gegen rechts

Deutschland und die Welt
19.08.2005
0
0

Thomas Siegel, Hotelier und Gastwirt des Hotels "Kronprinz von Bayern" in Wunsiedel ist sichtlich verärgert: "Unsere Gäste kommen zu den Luisenburg-Festspielen und nicht, um Neonazis zu sehen". Der alljährliche Aufmarsch tausender Neonazis aus ganz Europa zum Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß koste ihn eine Menge Geld - weil Gäste abgeschreckt werden.

Am 17. August 1987 hatte Heß im alliierten Kriegsverbrechergefängnis in Berlin im Alter von 93 Jahren Selbstmord begangen, danach wurde er im Familiengrab in Wunsiedel beigesetzt. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Mittwoch (wir berichteten) bleibt Wunsiedel zumindest in diesem Jahr wahrscheinlich von marschierenden Neonazis verschont.

Mit den KZ-Orten wie Dachau oder Auschwitz werde Wunsiedel zwar nicht in einem Atemzug in Verbindung gebracht, weiß Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU) zu berichten. Allerdings schadeten die Aufmärsche der Rechtsextremen in den vergangenen Jahren der Stadt schon. Er wisse von einem Unternehmen, das zumindest kurzzeitig überlegt habe, sein Geld aus diesem Grunde nicht in Wunsiedel zu investieren. "Möglicherweise entscheiden sich andere Firmen wegen dieses Problems gegen Wunsiedel", mutmaßt Beck.

Völlig normaler Samstag

Dass Heß im August 1987 in Wunsiedel beigesetzt wurde, sei damals ein "Akt der Barmherzigkeit" gewesen, sagt das Stadtoberhaupt. Der jetzige evangelische Pfarrer von Wunsiedel, Jürgen Schödel, will die damals getroffene Entscheidung weder kritisieren noch verteidigen: "Im Nachhinein stellt sich aber schon die Frage, ob die damalige Entscheidung klug war." Ein Wallfahrtsort für die Rechten, wie er es jetzt ist, sollte damals auf keinen Fall geschaffen werden.

An diesem Wochenende will die Stadt Flagge zeigen. Vieles in der rund 10 000 Einwohner zählenden Kommune deutet auf einen völlig normalen Samstag hin. Etliche Geschäfte nutzen die Zeit Mitte August für einen Betriebsurlaub, nur vereinzelt weisen Kaufleute darauf hin, dass am Samstag ihr Laden geschlossen bleibt. Für viele Geschäftsinhaber wie den Obst-, Gemüse- und Fischhändler Michael Österreicher ist der 20. August ein normaler Arbeitstag. Er werde das Plakat "Wunsiedel ist bunt" an seiner Ladentür anbringen. "Ansonsten hoffen wir, dass alles friedlich bleibt."

Bis 2001 hätten die Bürgermeister die Bevölkerung dazu aufgerufen zu Hause zu bleiben und die Neonazis zu ignorieren, erzählt Matthias Popp (CSU), zweiter Bürgermeister und Sprecher der Bürgerinitiative "Wunsiedel ist bunt". Mittlerweile aber sei man zur Erkenntnis gelangt, "dass es nicht nur um ein paar Störer geht, sondern um Leute die NS-Gedankengut wieder gesellschaftsfähig machen wollen."

Kirche und Konzerte

In den vergangenen Jahren hätten die Bürger auf die Geschehnisse nur reagiert. "In diesem Jahr werden wir auch agieren, mit einem eigenen ,Tag der Demokratie'". Popp erwartet mindestens 2000 Teilnehmer zu den unterschiedlichsten Veranstaltungen. Geplant sind unter anderem eine Sternwallfahrt der Kirchen aus allen vier Himmelsrichtungen nach Wunsiedel, Rockkonzerte und eine Meile der Demokratie mit politischen Veranstaltungen und Informationen. Der "Tag der Demokratie" findet trotz des gerichtlich bestätigten Versammlungsverbots der Neonazis statt.

Das Polizeipräsidium Oberfranken kündigte an, die Beamten würden am Samstag alle Zufahrtswege nach Wunsiedel kontrollieren. Rechtsextreme, die trotzdem in Wunsiedel demonstrieren wollten, würden in Gewahrsam genommen. Auch die Festspielstadt Bayreuth hat mittlerweile für das Wochenende ein Versammlungsverbot erlassen. Dorthin waren die Rechtsextremen 1991 ausgewichen, nachdem ein Versammlungsverbot für Wunsiedel von den Gerichten bestätigt worden war. Auch die Stadt Nürnberg wird eine für diesen Samstag angemeldete Demonstration der NPD verbieten.