Studie: Deutsche Jugendliche offener für Zuwanderung
Was junge Menschen bewegt

Alles nur bunt und laut? Wie das Lebensgefühl von Jugendlichen wirklich aussieht, will die aktuelle Shell-Jugendstudie beschreiben. Archivbild: dpa
 
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) stellt bei einer Pressekonferenz in Berlin zusammen mit dem Autoren Mathias Albert (Universität Bielefeld) die Shell Jugendstudie "Jugend 2015" vor.
Jugendliche in Deutschland stehen Zuwanderern offener gegenüber und sind auch politisch stärker interessiert als noch vor einigen Jahren. Das ist das Ergebnis der am Dienstag in Berlin veröffentlichten Shell Jugendstudie. Demnach sprachen sich 39 Prozent der 12- bis 25-Jährigen dafür aus, dass künftig genauso viele Menschen aus dem Ausland zuwandern dürfen wie bisher. 15 Prozent der Befragten befürworteten sogar mehr.

Für die Erhebung werden seit 1953 alle drei bis fünf Jahre rund 2500 Jugendliche zu ihren Einstellungen befragt. Zum Vergleich: 2006 sprachen sich noch 58 Prozent dafür aus, Zuwanderung zu verringern. Aktuell ist dieser Anteil auf 37 Prozent gesunken. Die jüngste Befragung fand von Anfang Januar bis Anfang März statt.

«Die junge Generation befindet sich im Aufbruch. Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen», erklärte Studienleiter Prof. Mathias Albert von der Universität Bielefeld. Der großen Mehrheit der Jugendlichen (82 Prozent) ist es demnach wichtig, «die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren».



Das geht auch aus ihren Antworten speziell zu Flüchtlingen hervor: Für eine gleiche Aufnahme wie bisher sprachen sich bei der Befragung Anfang des Jahres 36 Prozent aus - fast jeder Vierte plädierte sogar für eine Ausweitung. Etwa jeder Dritte wünschte sich indes weniger Flüchtlinge in Deutschland.

Immer mehr junge Leute entdecken demnach ihr Interesse an Politik: Im Vergleich zum Tiefpunkt 2002 mit 30 Prozent bezeichneten sich zuletzt 41 Prozent der Jugendlichen als politisch interessiert. Nach Erkenntnissen der Forscher hat der Wandel auch damit zutun, dass die 12- bis 25-Jährigen die gesellschaftliche Lage in Deutschland wieder positiver sehen.

Auffällig ist allerdings die Sorge in Bezug auf die internationale Politik. Auf die Frage nach ihren Ängsten nannten die Jugendlichen mit 73 Prozent am häufigsten Terroranschläge - gefolgt von einem möglichen Krieg in Europa (62 Prozent).
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Zentrale Ergebnisse der Shell-Studie

- Insgesamt 61 Prozent der Jugendlichen blicken optimistisch in die Zukunft (2010: 59 Prozent), von denjenigen aus sozial schwachen Familien allerdings nur 33 Prozent (2010: 33 Prozent).

- 63 Prozent geben an, dass man eine Familie brauche, um «wirklich glücklich» leben zu können (2010: 76 Prozent). Mehr als 90 Prozent sagten, dass sie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben. Fast drei Viertel aller Jugendlichen würde ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie selber erzogen wurden.

- Der Kinderwunsch geht weiter zurück: Nur 64 Prozent der Befragten wünschen sich Kinder (2010: 69 Prozent).

- 33 Prozent der Befragten gaben an, dass es für sie wichtig ist, an Gott zu glauben (2010: 36 Prozent). Für die katholischen Jugendlichen spielt bei 39 Prozent der Glaube an Gott eine bedeutende Rolle bei der Lebensführung (2010: 43 Prozent), bei den Protestanten sind es 32 Prozent (2010: 39 Prozent), bei Vertretern anderer Religionen liegt der Wert bei 70 Prozent (2010: 72 Prozent).



- Bei den Katholiken finden es 75 Prozent gut, dass es eine Kirche gibt. (2010: 79 Prozent), bei den Protestanten waren es 72 Prozent (2010: 76 Prozent). 75 Prozent gaben an, dass die Kirche sich ändern muss, wenn sie eine Zukunft haben will (2010: 73 Prozent). Zum Vergleich: Bei den Protestanten waren 63 Prozent für Reformen (2010: 72 Prozent). Für 59 Prozent der Katholiken hat die Kirche keine Antworten auf Fragen, die sie bewegen (2010: 62 Prozent), bei den Protestanten waren es 56 Prozent (2010: 61 Prozent). Zugleich gelte aber auch, dass konfessionslose Jugendliche nicht unbedingt etwas gegen Kirche haben müssen, so die Autoren.

- Angestiegen ist das Interesse an Politik: 41 Prozent gaben an, sich für Politik zu interessieren (2002: 30 Prozent). Damit einher geht nach der Studie eine gestiegene Bereitschaft, sich politisch zu engagieren. Häufige Aktivitäten seien der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das Unterzeichnen von Petitionen. Jeder Vierte hat danach an einer Demonstration teilgenommen. 10 Prozent engagierten sich in einer Bürgerinitiative.

- Auch das Thema Zuwanderung beschäftigt junge Menschen in Deutschland. Dabei ist die Angst vor Fremdenfeindlichkeit größer als vor Zuwanderung. So haben 48 Prozent der Jugendlichen Angst vor Ausländerfeindlichkeit (2010: 40 Prozent). Demgegenüber sind die Jugendlichen laut Studie offener beim Thema Zuwanderung geworden: 2015 plädierten 37 Prozent dafür, die Zuwanderung zu verringern (2006: 58 Prozent).