Studie sieht Defizite beim Schulessen in Deutschland
Mehr Gemüse und mehr Vielfalt

Kritiker warnen beim Schulessen etwa vor zu billigen Produkten, Fertigsoßen und zu viel Fleisch. Bild: Jens Büttner/dpa
 
Leckere Lasagne: Die Mensa der Mittelschule in Vohenstrauß hat seit diesem Schuljahr geöffnet. Bild: Schreiber
 
Wenn es in der Schule nur Lieblingsgerichte gäbe, wäre der Essensplan wohl ganz klar: Pizza und Pommes frites. Obst und Gemüse steht in der Beliebtheitsskala meist auf den hinteren Plaätzen. Bild: Roland Weihrauch⁄dpa

Erst Mathe, dann jede Menge Fleisch? Beim Schulessen gibt es einer Studie zufolge viele Mängel. Verbraucherschützer fordern auch mehr Transparenz. Wir zeigen, wie es um die Schulverpflegung steht.

Zu viel Fleisch - dafür zu wenig Obst und Gemüse. Das Mittagessen in deutschen Schulen ist laut einer Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg nicht gesund genug.

In der am Dienstag in Berlin vorgestellten Untersuchung im Auftrag des Bundesernährungsministeriums heißt es, dass nach wie vor Fleisch zu oft und Fisch zu selten angeboten werde. Experten-Empfehlungen für Gemüse, Obst und Rohkost würden teilweise nicht erfüllt.



Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sagte, vieles habe sich in den vergangenen Jahren verbessert. «Aber unser Ziel muss es sein, dass Deutschland bei der Schulverpflegung im positiven Sinne ein Streber wird.» Eltern müssten sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder in der Schule etwas Vernünftiges zu essen bekommen.



Im Deutschlandradio Kultur sagte der Minister, es solle verbindliche Qualitätsstandards und einen «Ernährungs-TÜV» geben, der präzise Vorgaben mache und deren Einhaltung auch kontrolliere.

Zu viele ungeeignete Gemüsesorten

Laut der Studie, über die zuerst die Zeitung «Die Welt» (Dienstag) berichtete, dauert die Mittagspause nur in 39 Prozent der Schulen länger als 45 Minuten, wie es Ernährungsexperten empfehlen. Angesichts vielfach langer Transport- und Warmhaltezeiten seien zu viele ungeeignete Gemüsesorten im Angebot enthalten.


Kritiker warnen beim Schulessen etwa vor zu billigen Produkten, Fertigsoßen und zu viel Fleisch, obwohl Kindern gerade in den Schulen eine gesunde Ernährungsweise vermittelt werden sollte. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, viel Gemüse und Salat anzubieten. Ziel ist auch, Übergewicht bei Kindern zu vermeiden.


Ganztagsschulen: Qualität des Essens wird wichtiger

Da es immer mehr Ganztagsschulen gibt, wird auch die Qualität des Schulessens wichtiger. Nach Angaben der Kultusministerkonferenz werden inzwischen 2,4 Millionen Schüler ganztags unterrichtet und damit fast ein Drittel aller Kinder von der Grundschule bis zur Mittelstufe.



In Ganztagsschulen gibt es mindestens an drei Tagen in der Woche ein Angebot bis in den Nachmittag hinein. An allen diesen Tagen soll auch ein Mittagessen angeboten werden.


Foodwatch: Kontrollergebnisse für Schulessen veröffentlichen

Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert, bei Schulkantinen und Anbietern von Schulverpflegung alle Ergebnisse amtlicher Lebensmittelkontrollen öffentlich zu machen. Es sei ein Unding, dass Lehrer und Eltern nicht darauf zugreifen könnten, um den vertrauenswürdigsten Lieferanten für das Schulessen der Kinder zu ermitteln, sagte der stellvertretende Foodwatch-Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt.

Die Behörden wüssten, wie es um die Hygiene in Schulküchen und bei Zulieferern bestellt sei. Der Bund solle die Länder daher zu einer Veröffentlichung der Ergebnisse verpflichten.

Nur in 16 Prozent der Grundschulen und 27 Prozent der weiterführenden Schulen gebe es mehr als zwei Menüs.


Milch, Getreide und Obst: Wie Kinder gesund in den Tag starten

Gesunde Ernährung fängt nicht erst mit dem Mittagessen an. Ein Schultag beginnt für Kinder deshalb idealerweise mit einem ausgewogenen Frühstück. Dazu gehören am besten folgende Komponenten: Wasser, Produkte aus Milch und Getreide sowie Obst und Gemüse.

Gut ist, wenn Kinder zu Hause in aller Ruhe ein erstes Frühstück essen, in der Schulpause dann ein zweites, sagt Isabelle Keller von der DGE. Müsli oder Vollkornbrot sind in jedem Fall zu empfehlen. Das liefert durch Kohlenhydrate nicht nur die nötige Energie, sondern enthält auch Mineralstoffe. Und es sorgt für eine langanhaltende Sättigung.

Und wer zum Beispiel das Müsli mit etwas Obst und Joghurt oder Milch isst, hat gleich mehrere der empfohlenen Komponenten kombiniert. Oder neben der Scheibe Brot steht ein Schälchen mit Obstquark bereit. Beim zweiten Frühstück in der Schule ergänzen Eltern und Kinder dann, was morgens noch zu kurz gekommen ist: Wer zu Hause Müsli mit Obst gegessen hat, packt jetzt ein Brot und etwas Rohkost aus - zum Beispiel Gurken, Karotten, Paprika oder kleine Tomaten.


Noch viele Wünsche an das «Restaurant Schule»

Wenn es in der Schule nur Lieblingsgerichte gäbe, wäre der Essensplan wohl ganz klar: Nudeln, Pizza, Pfannkuchen und Pommes frites. Ernährungsexperten aber raten zu ausgewogenen, fleischarmen Mahlzeiten - und zu entspannter Atmosphäre. Der Alltag in vielen Ganztagsschulen, von denen es in Deutschland immer mehr gibt, sieht jedoch noch anders aus.

Wie wird das Schulessen eigentlich organisiert?

Die meisten Schulen lassen sich das Essen liefern. Meist (60 Prozent) bekommen sie Warmverpflegung - also zubereitete Speisen aus einer Zentralküche, die in Thermobehältern transportiert werden. Fast immer müssen Eltern und Schüler das Essen im Voraus bestellen, teilweise vier bis sechs Wochen vorher. Im Schnitt kostet ein Mittagessen 2,83 Euro in Grundschulen und 3,05 Euro in weiterführenden Schulen, manche öffentliche Schulträger geben Zuschüsse dazu. Die Eltern überweisen das Geld meist, manche Schüler zahlen bar.

Wie ausgewogen ist das Schulessen?

Für eine gesunde Ernährung, die auch Übergewicht bei Jungen und Mädchen vorbeugt, gibt es als Empfehlung einen Qualitätsstandard der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Demnach sollte es immer Gemüse und Salat zu essen geben und genauso kalorienarme Getränke wie Wasser. Jedes Mal dabei sein sollten auch Getreide und Kartoffeln in abwechselnden Varianten, also zum Beispiel eine Reispfanne, Klöße oder Couscous. Der Empfehlung, nur maximal zweimal pro Woche Fleisch zu essen, entsprachen aber 78 Prozent der untersuchten Speisepläne nicht, wie die Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften herausfand. Die Forscher prüften insgesamt 760 Pläne von Schulen.


Wo sehen die Experten noch Defizite?

Als Schwachstelle gilt die Anlieferung warmgehaltenen Essens. Wenn Spinat oder Blumenkohl über mehrere Stunden transportiert und in der Schule bereitgehalten werden, veränderten sich schon einmal Farbe, Geruch und Konsistenz, sagt Studienleiterin Ulrike Arens-Azevedo. «Einfach nur eklig», schrieb ein Schüler in einen Fragebogen. Auch die Essensatmosphäre ist oft nicht optimal. Dabei hängt viel davon ab, überhaupt in Ruhe essen zu können. Die Mittagspausen dauern aber gerade einmal bei 39 Prozent der Schulen wie empfohlen länger als 46 Minuten. In 29 Prozent der Fälle haben die Kinder sogar nur 20 bis 30 Minuten, ehe es mit Unterricht oder Freizeitangeboten weitergeht.

Was sagen die Schüler?

So viele Gedanken wie die Ernährungswissenschaftler machen sich die Kinder nicht. Dabei sind sie die Kunden des «Restaurants Schule». Für die Studie wurden deswegen auch mehr als 12 000 Schüler befragt - und verteilten recht freundliche Noten. Insgesamt bekamen die Mittagessen eine Art Zwei minus (2,6), wobei die Note Sechs fehlte. Die Gründe fürs Schul-Mittagessen sind naheliegend - etwa, dass nachmittags noch AGs folgen oder die Eltern arbeiten. Hauptgrund, nicht in die Mensa zu gehen, sind Geschmack und Aussehen der Speisen.

Wie kann das Angebot verbessert werden?

«Wir brauchen keine Bio-Spitzenköche bei den Caterern», sagt Sabine Schulz-Greve, Sprecherin der Vernetzungsstellen für Schulverpflegung in den Bundesländern. Vor allem bei vegetarischen Gerichten sei die Fantasie aber steigerungsfähig. Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) wirbt dafür, bei Ausschreibungen DGE-Qualitätsvorgaben verbindlich zu machen. Die Länder sollten auch stärker kontrollieren, dass bei Transporten Hygienevorschriften etwa für Temperaturen heiß gehaltener Speisen befolgt werden. «Es wäre toll, wenn wir überall ein Salatbuffet hätten», sagt Wissenschaftlerin Arens-Azevedo. Für gesundes Schulessen könnten sich aber auch Eltern stärker einsetzen.