Taucher mittlerweile im Inneren des Schiffs - Kritik an Regierung - Angehörige misstrauisch
Angst, Wut und ein Rest Hoffnung

Ragte zunächst die Bugwulst der Fähre noch aus dem Wasser, war später am Freitag nichts mehr zu sehen. Deshalb versuchten Rettungsteams, Bojen zu installieren, um die Unglücksstelle zu markieren. Zudem brachten sie einen Kran in Stellung, um die schwierigen Bergungsarbeiten zu unterstützen. Bild: dpa
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Deutschland und die Welt
19.04.2014
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Die Ungewissheit zehrt an den Nerven. Auch am Freitag - zwei Tage nach dem Untergang der Fähre "Sewol" vor Südkoreas Küste - verfolgen Angehörige der fast 270 Vermissten mit bangen Blicken die Suche der Rettungskräfte. Viele haben sich in der Nähe des Unglücksorts an der Küste versammelt, um direkte Sicht auf die Bergungsboote zu haben. Die meisten der Vermissten sind Oberschüler aus einer Vorstadt von Seoul. Sie waren mit der "Sewol" auf dem Weg zu einer Ferieninsel.

Von Experten in den Medien erfahren die Angehörigen, dass es nur noch geringe Aussichten gebe, Überlebende aus dem gesunkenen Wrack zu bergen. Dennoch hoffen die Familien, ihre Lieben wieder in die Arme nehmen zu können. Und tatsächlich machte eine Nachricht am Freitag zunächst Mut: Taucher seien ins Innere des Schiffs vorgestoßen. Die Hoffnung der Familien ist, dass Menschen in einer Luftblase noch länger überleben können. Weitere Erfolgsmeldungen bleiben am Freitag aus.

Bemühungen verstärken

Als Staatspräsidentin Park Geun Hye am Donnerstag die Familien auf der Insel Chindo nahe der Unglücksstelle besuchte, schallten ihr Kritik und Buhrufe entgegen. Die Mutter eines vermissten Kindes fällt vor laufenden Kameras auf die Knie. Sie bittet Park, die Rettungsbemühungen zu verstärken. Sender berichten, manche seien in Tränen ausgebrochen. Andere hätten kurzzeitig das Bewusstsein verloren.

Viele Angehörige sind misstrauisch. Bei einem Besuch von Premierminister Chung Hong Won auf Chindo fliegen Wasserflaschen. Manche werfen der Regierung vor, nicht angemessen auf den Unfall reagiert zu haben - auch wenn Taucher unermüdlich im Einsatz sind. Am Freitag veröffentlichten die Familien einen Appell: "Unsere Kinder schreien im eiskalten Wasser um Hilfe, helft ihnen!" In den ersten Mitteilungen der Behörden nach dem Untergang war erst von etwas mehr als 100 Vermissten die Rede - jetzt sind es fast dreimal so viele.

"Ein Land betet für ein Wunder", titelte die Zeitung "The Korea Times". "Die Fährtragödie, die hätte verhindert werden können", schrieb die Zeitung "Chosun Ilbo". Schier unglaublich hören sich Berichte an, wonach sich der Kapitän seiner Pflicht entzogen hat. Gegen ihn wurde ein Haftbefehl beantragt. Er soll das Schiff im Stich gelassen und die Passagiere ihrem Schicksal überlassen haben.

Heldenhaftes Verhalten

Ergreifend sind Textnachrichten, die Passagiere schrieben, als das Schiff auf der Seite lag. "Mama, ich sende dir das, weil ich wahrscheinlich nicht mehr sagen kann, dass ich dich liebe", zitiert der Kabelsender YTN die Botschaft eines Schülers. In einem Schüler-Chatroom schrieb einer der Passagiere: "Ich denke, wir werden wirklich alle sterben." Auf einem mit Smartphone aufgenommenen Video ruft ein junger Passagier in Panik: "Wasser strömt rein, Wasser strömt rein, Wasser strömt rein."

Daneben werden aber auch Einzelheiten über heldenhaftes Verhalten von Passagieren und Crewmitgliedern bekannt. Zur Besatzung gehörte die 22-jährige Park Ji Young, deren Leiche später geborgen wurde. Als auf dem dritten Schiffsdeck die Schwimmwesten ausgegangen seien, sei sie ruhig geblieben und aufs obere Deck gerannt, um weitere Westen für die verängstigten Schüler zu holen, berichtete der Sender Arirang TV. Einem Schüler habe sie erzählt, dass sie die Letzte sein werde, die das sinkende Schiff verlasse. Und der 58-jährige Kim Hong Kyun half Dutzenden anderen Passagieren, sich zu retten. Er band sich einen Löschschlauch um den Bauch, an dem sich fast zwei Dutzend Schüler nach draußen hangeln konnten. Dort erreichten sie die Seile eines Rettungshubschraubers.
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