Therapie drängt Aids zurück

HIV-positive Frauen und Kinder in Kathmandu (Nepal) beten am Vorabend des Welt-Aids-Tages für die Opfer des Virus. Bild: dpa

Nach neuesten Empfehlungen sollten sich jetzt alle Menschen mit der Diagnose HIV sofort therapieren lassen. Doch längst nicht jeder weiß, dass er infiziert ist, wie Experten zum Welt-Aids-Tag betonen.

Claudia Palmer musste ihrem Mann hilflos beim Sterben zusehen. "Es war ein Höllentrip", erinnert sich die 32-Jährige. Eine Lungenentzündung habe ihn so sehr geschwächt, dass er in ein Krankenhaus kam. Dort sei die Diagnose "HIV, Stadium Aids" gestellt worden. "Jeden Tag gab es ein neues Problem, mal war es eine Pilzinfektion im Mund, dann wund gelegene Stellen oder wieder etwas anderes", erzählt die Frau, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Eine HIV-Therapie konnte ihm nicht mehr helfen, sein Körper war zu geschwächt. Nur fünf Monate nach der Diagnose starb der damals 31-Jährige, der sich als ehemals Drogenabhängiger infiziert hatte.

Früherer Zeitpunkt optimal

Auch bei Palmer wiesen die Ärzte HI-Viren nach. Doch dank einer rechtzeitigen Therapie hält ihr Immunsystem die Aids-Erreger in Schach. "Ich bin froh, so früh mit den Medikamenten begonnen zu haben", freut sie sich. Die Zahl ihrer Helferzellen - ein Indikator für die Stärke des Immunsystems - lag beim Therapiestart vor fünf Jahren noch bei über 500 pro Mikroliter Blut. Laut der damaligen Leitlinienempfehlungen wäre ein Beginn erst bei etwa 350 Helferzellen angemessen gewesen. Doch als Teilnehmerin der internationalen "START-Studie" zum optimalen Zeitpunkt des Therapiebeginns durfte Palmer relativ früh anzufangen.

Zu mehr Aufklärung - unter anderem über Therapien - soll auch der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember beitragen. Kürzlich hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren Kurs radikal geändert. Jetzt sollten aus Sicht der Organisation alle Menschen, bei denen eine HIV-Infektion festgestellt wird, unverzüglich moderne Medikamente erhalten. Neue klinische Studien hätten gezeigt, dass eine sofortige Therapie mit antiretroviralen Mitteln das Leben der Patienten verlängere, teilte die WHO Ende September mit. Etwa 82 Prozent der Diagnostizierten werden mit antiretroviralen Medikamenten behandelt.

Doch ob die neue Strategie nun alle HIV-Infizierten erreiche, sei fraglich. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts wissen in Deutschland etwa 13 200 von 83 400 Menschen mit HIV/Aids nichts von ihrer Infektion - etwa jeder sechste. Hier will die Deutsche Aids-Hilfe ansetzen, indem sie die anonymen und kostenlosen Testangebote ausbaut.

Eine sehr frühe Therapie kann die Erkrankungen signifikant zurückzudrängen. Menschen mit gut eingestellter Behandlung seien viel weniger infektiös. Zu ihnen zählt auch Claudia Palmer, die als nicht mehr ansteckend gilt: "Bei mir sind die Viren nicht mehr nachweisbar. Auch die Zahl meiner Helferzellen ist so hoch wie bei gesunden Menschen."
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