Tipps gegen das Kopfkino
Wenn man überall Terroristen sieht

Es ist ein unangenehmes Thema. Nach den Terrormeldungen ertappen sich viele Menschen dabei, bestimmten Personengruppen misstrauischer zu begegnen. Doch gegen den eigenen Generalverdacht kann man was tun.

Marburg. (dpa) Nach den Terroranschlägen in Paris und dem Bombenverdacht in Hannover macht sich Angst breit. Manchen erscheinen Passanten mit dunklem Teint plötzlich verdächtig, ungewollt geht das Kopfkino an. Wie man hässlichen Gedanken vorbeugt, erklärt der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Viele Menschen ertappen sich dabei, arabisch aussehenden jungen Männern mit einem mulmigen Gefühl zu begegnen. Gleichzeitig schämen sie sich dafür. Wie bekommt man das in den Griff?

Antwort: Es ist ganz viel wert, wenn man die psychologischen Abläufe hinter diesem Phänomen kennt. In den vergangenen Tagen haben wir im Fernsehen furchtbare Dinge gesehen, für die bestimmte Attentäter verantwortlich sind. Dabei unterliegen wir einem Lernprozess.

Frage: Wie funktioniert dieser Prozess?

Antwort: Ein Beispiel: Sie sitzen bei einem Freund im Auto und er muss eine Vollbremsung machen. Was bleibt ist die Angst, die Sie in diesem Moment hatten. Das Gefühl kommt wieder, wenn sie erneut zu diesem Freund ins Auto steigen. Das Problem kann sich steigern, wenn dann auch andere Autos diese Angst auslösen. Wir Psychologen sagen: Die Angst generalisiert.

Frage: Und bei Angst vor Terroristen?

Antwort: Wir erfahren - in der Regel indirekt - dass Menschen mit einem bestimmten Aussehen ganz schreckliche Dinge tun. Das übertragen wir auf Menschen, die damit überhaupt nichts zu tun haben, aber die ähnlich aussehen oder unserer Fantasie von Terroristen entsprechen: Bart, dunkler Teint...

Frage: Kann man also gar nichts dafür, wenn ein mulmiges Gefühl eintritt?

Antwort: Doch. Nur weil es eine psychologische Erklärung dafür gibt, kommen wir noch nicht aus unserer Verantwortung. Selbst wenn der beschriebene Prozess relativ mechanisch verläuft, bedeutet das ja nicht, dass wir nicht Einfluss nehmen können.

Frage: Was kann man denn tun?

Antwort: Sie können sich zum Beispiel sachliche Informationen zu Flüchtlingen oder Migranten suchen. Sie sollten auch aktiv versuchen, Kontakt mit Menschen aufzunehmen, die Ihnen offensichtlich unbegründet Angst machen. Oder Sie reißen sich einfach zusammen und erinnern sich an Ihren gesunden Menschenverstand - auch solche einfachen Maßnahmen können helfen.

Frage: Was kann ich denn konkret tun, wenn ich mich selbst in der U-Bahn bei misstrauischen Blicken erwische?

Antwort: Wagen Sie den Schritt nach vorne. Nehmen sie neben dem Menschen Platz, den Sie - ohne es zu wollen - des Terrors verdächtigen. Wenn Sie es einige Zeit durchhalten, sich in diese Situationen zu begeben, geht die Angst von selbst zurück.

Frage: Kann ich mir mein Misstrauen auch vorbeugend abtrainieren?

Antwort: Ja. Sie können versuchen, sich in einer ruhigen Minute solche Kontaktsituationen aktiv vorzustellen. Stellen sie sich eine positive Begegnung mit einer Person vor, die dem Stereotyp eines islamistischen Attentäters entspricht. Auch damit kann man solche ungewollten Lernprozesse wieder abbauen.

ZUR PERSON: Ulrich Wagner, 64, ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni Marburg. Er forscht unter anderem zu Ursachen und Prävention von Konflikten und hat dabei auch Fremdenfeindlichkeit im Blick.