Tod vor laufender Kamera

Die Reporterin Alison Parker (links) und der Kameramann Adam Ward wurden vor laufender Kamera von einem Attentäter in Smith Mountain Lake im US-Bundesstaat Virginia erschossen. Bild: dpa

In Ländern wie Syrien und dem Südsudan müssen Journalisten täglich um ihr Leben bangen. In den USA genießen sie einen sicheren Alltag. Eigentlich. Dass zwei Mitarbeiter eines Fernsehsenders erschossen werden, erschüttert nicht nur ihr Team.

Es ist noch früh am Morgen in Virginia, als TV-Zuschauer live mitansehen müssen, wie zwei Menschen erschossen werden. Für einen Beitrag eines Lokalsenders schwenkt der Kameramann sein Objektiv gerade über ein Einkaufszentrum im kleinen Ort Moneta, eine Frau beantwortet Fragen zum Thema Tourismus. "Sprechen Sie darüber, warum es wichtig ist, diese Unternehmensführer mit ins Boot zu holen", sagt Reporterin Alison Parker. "Dies ist unsere Gemeinde", sagt die Interviewpartnerin. "Die Menschen hier sollen sagen, dass..." Plötzlich fallen Schüsse. Die Frauen gehen schreiend zu Boden. Kurz darauf ist das Fernsehteam tot.

Wie so oft füllen die Stunden nach den Schüssen mehr Fragen als Antworten. Warum feuerte der Schütze - angeblich ein frustrierter, ehemaliger Angestellter des Senders - mindestens achtmal auf die 24-jährige Journalistin Parker und den drei Jahre älteren Filmer Adam Ward? Und warum filmte er sich dabei anscheinend selbst und stellte das Video anschließend ins Internet?

Trauriger Alltag

39 Journalisten kamen dieses Jahr weltweit ums Leben, resümiert das New Yorker "Committee to Protect Journalists" (CPJ) nach der Tat. Anders als in Krisengebieten wie Syrien und dem Südsudan sind solche tödlichen Angriffe in den USA allerdings äußerst selten - seit 1992 starben dort laut CPJ höchstens fünf Journalisten.

"Shootings" sind in den USA trauriger Alltag. Kaum ein Monat vergeht ohne Berichte über Schüsse - an Schulen, Colleges und Universitäten, in Kinos, auf Parkplätzen und vor Einkaufszentren. Dann folgt eine Debatte über die laxen Waffengesetze, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen oder die teils überforderte Polizei - bis das Ganze von vorn beginnt. Auch für Tausende US-Journalisten zählen die blutigen Vorfälle zum Tagesgeschäft - doch aus Sicht der Reporter immer "die anderen".

Der Schock beim Sender WDBJ7 sitzt tief. Als das Bild direkt nach dem Vorfall zu Nachrichtensprecherin Kimberly McBroom wechselt, starrt sie nur mit offenem Mund in die Kamera. Kurz darauf muss Geschäftsführer Jeff Marks am Newsdesk mit zitternder Stimme den Tod seiner beiden Mitarbeiter verkünden. Im Studio hört man Mitarbeiter weinen.

"Wir wollten heiraten"

Verschlimmert wird der tragische Vorfall durch die engen Beziehungen der Mitarbeiter. Die mit Kameramann Ward verlobte Producerin verfolgt die Schüsse auf ihren Partner live am Bildschirm im Kontrollraum mit. Der mit Parker liierte Anchormann Chris Hurst twittert ein Foto von ihm und der Journalistin. Er schreibt: "Wir waren sehr verliebt. Wir sind gerade zusammengezogen." Und: "Wir wollten heiraten." Parker hatte erst in der vergangenen Woche ihren 24. Geburtstag gefeiert.

Der mutmaßliche Schütze versucht, sich nach einer wilden Verfolgungsjagd mit der Polizei das Leben zu nehmen, überlebt zunächst aber schwerverletzt.
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