Todesschütze bleibt ein Rätsel

Fühlte sich Vester Flanagan missverstanden? War er ein überheblicher Narzisst, der sein Ego vor der Kamera aufpumpte und einen Groll auf Kollegen hegte, die einen besseren Job machten? Was im Kopf des Todesschützen vorging, bleibt sein düsteres Geheimnis.

So wirklich rund lief es für Vester Flanagan in seiner Karriere als TV-Journalist nicht. Die meisten US-Sender verließ Flanagan nach einigen Jahren wieder - meist nicht auf gutem Fuß mit Kollegen und Vorgesetzten. Solch ein Streit kostete nun die zwei Journalisten des Senders WDBJ7 in Virginia das Leben.

Was immer bei dem Sender vorfiel, wollte der Afroamerikaner nicht auf sich sitzen lassen. In einer Klage warf er Ex-Mitarbeitern rassistische Bemerkungen vor, unter anderem soll ein Producer ihn einen "Affen" genannt haben. Der Streit wurde außergerichtlich beigelegt. Als er 2012 bei WDBJ7 startete, winkten ein Jahresgehalt von 36 000 Dollar.

Doch lag er auch mit seinen neuen Kollegen bald über Kreuz. "Er vertrug keine Kritik und nahm sie persönlich", sagt seine Ex-Mitarbeiterin LaRell Reynolds. Nach nur zwei Monaten wurde in seiner Personalakte festgehalten, dass seine Kollegen sich durch ihn "bedroht und unwohl" fühlen. Weitere zwei Monate später wurde ihm wegen aggressiven Auftretens mit der Kündigung gedroht.

Auch mit seinen journalistischen Leistungen ging es bergab, schlechte Bewertungen seiner Vorgesetzten füllten seine Akte. Ende 2012 war von "zu wenig tiefgründiger Berichterstattung, schwacher Leistung auf Sendung" sowie schlechtem Zeitmanagement die Rede. Statt kritisch zu denken, übernehme er Pressemitteilungen ungefiltert in seine Berichte und habe immer wieder Probleme mit Kameraleuten.

Narzisstische Persönlichkeit?

Dann kam die Kündigung. Gegen die wehrte er sich so vehement, dass er schließlich von der Polizei aus der Redaktion geführt werden musste. Die Szene war so dramatisch, das der am Mittwoch getötete Adam Ward eine Kamera nahm und den Gekündigten filmte. Der verabschiedete sich von seinen Kollegen mit dem ausgestreckten Mittelfinger und reichte erneut Klage wegen angeblichem Rassismus ein - erneut ohne Erfolg.

War der 41-jährige Todesschütze von Virginia ein Narzisst, der süchtig nach Auftritten vor der Kamera war und Fotos von sich selbst am Kühlschrank kleben hatte? Die einzig gesicherte "Attitüde" beschreibt ein Nachbar. Anwohner hätten sich beschwert, wie er morgens im Mustang davonbrauste. Sie hätten ihn einen "jerk" genannt - einen Trottel.
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