Tornado richtet in Freystadt mehrere Hunderttausend Euro Schaden an
Ein Tornado ist ein Tornado

Tornados entstehen rasend schnell und sind verheerend. Die am frühen Abend des 5. Mai 2015 geschossene Aufnahme zeigt eine Windhose. Am Freitag hat ein Tornado in Freystadt (Kreis Neumarkt) mehrere Hunderttausend Euro Schaden angerichtet. Bild: Hein-Godehart Petschulat/dpa
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Deutschland und die Welt
01.06.2015
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Bislang wurden Meteorologen gerne belächelt, wenn sie hierzulande vor der Gefahr eines Tornados warnten. Es sei alles nicht so schlimm, wie man es aus den USA kennt, es seien ja "nur Windhosen", oder gar "Mini- Tornados". Der Tornado - ein unterschätztes Phänomen.

Die Begriffe "Windhose" und "Tornado" bezeichnen exakt das gleiche Phänomen: einen potenziell zerstörerischen, lebensgefährlichen Wirbelsturm. Und dass die Gefahr auch hierzulande noch unterschätzt wird, zeigt sich angesichts des Entsetzens über die letzten Tornados in Bützow in Mecklenburg-Vorpommern, Stettenhofen bei Augsburg und nun auch Freystadt-Ohausen bei Neumarkt. Dabei gab es Wirbelstürme in Mitteleuropa schon immer.

Der bislang schwerste bekannte und dokumentierte Fall stammt aus dem Jahr 1968 in Pforzheim , wo ein F4-Tornado (333 - 418km/h) 2000 Häuser zerstörte, 20 Verletzte und 2 Tote forderte. Der wirtschaftliche Schaden lag damals umgerechnet bei rund 60 Millionen Euro.

1993 traf ein Tornado Pfreimd (Kreis Schwandorf) und erreichte die Stärke F2 (180 - 253km/h) auf der fünfstelligen Tornadoskala.

Am 12. Juni 2003 gab es über Mitterteich einen F1-Tornado (bis 180km/h). Auf etwa 2,5 Kilometern Länge werden Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt. Der "Rüssel" war durch Dunkelheit und einen Vorhang aus Regen und Hagel nicht sichtbar.

Weitere Fälle aus der nördlichen Oberpfalz sind auch aus den Jahren 2000, 2002, 2005 und 2010 dokumentiert. Durchschnittlich treten Tornados in Deutschland etwa 40 bis 60 Mal pro Jahr auf, im bisherigen Rekordjahr 2006 lag die Anzahl sogar bei 121. Oft ziehen die Wirbelstürme durch Wälder oder über Freiflächen, bleiben somit unentdeckt.

Medialer Anstieg

Trifft es aber, wie zuletzt, bewohnte Orte, ist das Entsetzen groß. Auch ist im multimedialen Zeitalter oft ein Handy zur Hand, womit die gefährlich rotierenden Wolkenrüssel viel schneller festgehalten und gespeichert werden können. Auch das führt zu einer "künstlichen" Erhöhung der bestätigten Fälle, was den Eindruck erwecken mag, es würde von Jahr zu Jahr schlimmer. Nachgewiesen ist die Theorie von der Häufung der Tornados über Mitteleuropa allerdings noch nicht, im Zuge einer durchschnittlichen Erwärmung aber durchaus wahrscheinlich.

Wirbelstürme der Kategorie "Superzellen-Tornados" haben zuletzt die Gemeinden bei Augsburg, Neumarkt und Bützow getroffen, wo teilweise komplette Obergeschosse von Gebäuden weggerissen wurden, und Auto bis zu 100 Meter durch die Luft wirbelten. Wer glaubt, "unsere" Tornados seinen lange nicht so schlimm, wie die in den USA, der sollte sich einmal bildlich vorstellen, wie die bei uns getroffenen Ortschaften nach Durchzug des Sturmes ausgesehen hätten, wenn es hier ebenfalls nur Häuser mit amerikanischer Leichtbauweise gegeben hätte. Es wäre nichts übrig geblieben.

Das Fatale: Selbst mit der heutigen Radartechnik ist die Rotation eines Gewitters erst wenige Minuten vor dem Sturm erkennbar, und bis man eine Warnung in Umlauf bringt, ist der Rüssel oft schon auf dem Boden. Lediglich die Existenz der Zutaten ist vorhersagbar.

Immer Lebensgefahr

Es wird Zeit, das Bewusstsein zu schärfen. Begriffe wie "Windhose" oder gar "Mini-Tornado" verharmlosen die Gefahr ungemein, und sollten komplett aus dem medialen Bereich verschwinden. Ein Tornado ist ein Tornado. Ob "nur" mit 120, oder mit 400 km/h Rotationstempo. Und er ist vor allem eines: Ein auch bei uns in Mitteleuropa wiederholt auftretender Wirbelsturm, der schon allein durch umherfliegende Trümmerteile immer Lebensgefahr birgt.



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Andy Neumaier arbeitet als Medienmeteorologe und schreibt für unsere Zeitung wöchentlich eine Wetterkolumne.
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